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Interview in Bild der Frau

Interview in Bild der Frau

Es ist 18.30 Uhr am Sonntagabend, als Olaf Scholz aus dem Ruderboot steigt und unser Interview beginnt. Er ist zu Gast im Wanderruderclub Kleinmachnow nahe Potsdam, hat eine Runde im Vierer mit Steuermann gedreht. Und Schulterklopfen geerntet: „Der hat ’n guten Schlag“, sagt Bootswart Wolfgang Petri. „Da mussten wir uns fast ein bisschen ranhalten.“

BILD der FRAU: Herr Scholz, wie oft steigen Sie ins Boot?
Olaf Scholz: Na, nicht so regelmäßig wie ich joggen gehen kann. Angefangen habe ich mit Anfang 50. Als Hamburger Bürgermeister bin ich vor der Senatssitzung morgens rudern gegangen, dann ab ins Rathaus, schnell duschen, fertig. Das ist zwischen Potsdam und Berlin nicht ganz so einfach – auch wenn beide Städte durch Wasser verbunden sind.

Zum Sport gebracht hat Sie Ihre Frau, stimmt’s?
Ja, als ich knapp über 40 war, sagte sie: Olaf, das geht so nicht weiter! Ich habe dann mit dem Laufen angefangen und in einem kleinen Park im Schanzenviertel keine zwei Runden geschafft. Heute laufe ich zwei bis drei Mal die Woche acht Kilometer. Wir wandern auch viel. Und ab und zu fahre ich Rad.

Um im Ruderbild zu bleiben: In Sachen Kanzlerschaft sind Sie wieder auf Schlagdistanz. Ihre wichtigste Aufgabe, wenn Sie gewinnen?
Dafür zu sorgen, dass diejenigen, die wenig verdienen, mehr bekommen. Also auch viele Frauen. Deshalb will ich einen Mindestlohn von 12 Euro. Gerade die Berufe, die vorrangig von Frauen ausgeübt werden, gehören besser bezahlt. Bei der Altenpflege haben wir geschafft, dass bald nur noch die Einrichtungen bei der Pflegekasse abrechnen können, die nach Tarif bezahlen. Dafür mussten wir hart kämpfen – CDU/CSU waren lange dagegen. Am Ende haben wir das durchgesetzt.

Wir fragen hier heute für unsere vier Millionen Leserinnen: Warum sollen die Sie wählen, Herr Scholz?
Weil ich dafür kämpfe, dass ihre Lebensanstrengungen stärker respektiert werden. Es geht um gute Arbeitsplätze und gute Bezahlung, um eine verlässliche Rente. Wir müssen es Müttern und Vätern leichter machen, Kinder und Beruf zu vereinbaren. Ich will den Ausbau von Kinderbetreuung und Ganztagsangeboten. Und es geht natürlich auch um Machtfragen in der Wirtschaft und in der Politik: In einer Regierung Scholz sind mindestens gleich viele Frauen wie Männer.

Am Ausbau der Kita-Plätze und Ganztagsbetreuung hat sich schon Ihre Parteikollegin Franziska Giffey als Ministerin die Zähne ausgebissen. Was wollen Sie da konkret besser machen?
Erst mal müssen alle hinter diesem Ziel stehen. Als Bürgermeister habe ich das in Hamburg bereits so umgesetzt, wie ich es mir fürs ganze Land vorstelle: Es muss ein flächendeckendes Angebot an Krippen, Kitas und Ganztagsbetreuung in allen Schulen bis zum Abi geben. Gebührenfrei.

Wie kriegen Sie Beruf und Haushalt unter einen Hut?
Na, da sind wir vielleicht kein typisches Beispiel. Meine Frau und ich arbeiten beide viel, teilen uns die Aufgaben zuhause und haben auch externe Hilfe. Manches machen wir beide auch richtig gern: Kochen zum Beispiel.

Ihre Spezialität?
Königsberger Klopse nach einem Rezept von Tim Mälzer. Und bei uns gilt: Wer kocht, macht auch sauber.

Ihre Frau ist Bildungsministerin in Brandenburg. Diskutieren Sie am Küchentisch über Politik?
Klar besprechen wir auch politische Sachen, seit jeher. Wir haben uns bei den Jusos kennengelernt. Aber wir reden natürlich zu Hause vor allem über Privates, Bücher, Konzerte oder Kinofilme, die wir uns gemeinsam anschauen wollen. Wegen Corona ging da ja leider lange nicht viel. Na und jetzt im Wahlkampf bleibt gerade wenig Zeit für Privates.

Käme mit Ihnen als Kanzler die Impfpflicht?
Nein. Ich bin aber dafür, dass sich möglichst viele impfen lassen – zum eigenen Schutz und zum Schutz aller.

Altersarmut ist in Deutschland weiblich, Frauen kriegen im Schnitt halb so viel gesetzliche Rente wie Männer. Was tun Sie dagegen?
Das ist schlimm. Darum habe ich für eine Grundrente gekämpft. Viele Frauen bekommen damit ganz unbürokratisch mehr Rente. Nämlich alle, die in ihrem Berufsleben sehr viel gearbeitet und dabei sehr wenig verdient haben. Kindererziehung und Pflege von Angehörigen zählt auch als Arbeit. Jetzt geht es darum, dafür zu sorgen, dass niemand zu wenig für eine vernünftige Rente verdient – das erreichen wir mit einem deutlich höheren Mindestlohn von 12 Euro. Und die SPD will Rentenniveau und Renteneintrittsalter stabil halten. Beides garantieren CDU/CSU bewusst nicht.

Wie wollen Sie das machen? Drucken Sie Geld?
Nicht nötig. Alle Fachleute, die uns in den 90ern erzählt haben, dass das mit der Rente nicht gut ausgehen wird, die müssten jetzt mal zugeben, dass sie sich geirrt haben. Wir zahlen heute einen geringeren Beitrag zur Rentenversicherung als Ende der 90er-Jahre, wir haben mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Beschäftigung. Und das gilt auch für die zukünftige Rente: Das Wichtigste für stabile Rentenfinanzen ist eine hohe Beschäftigungsquote, zum Beispiel von Frauen. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es da noch einiges aufzuholen.

Aber ohne private Vorsorge wird es doch nicht gehen!
Oft ärgern mich die irre hohen Verwaltungskosten bei privaten Altersvorsorge-Angeboten. Das Geld, das der oder die Einzelne bereit ist anzulegen, darf nicht für Gebühren draufgehen. Ich kann mir einen vom Staat mitorganisierten Aktien- und Rentenfonds vorstellen, in den ein festgelegter Teil des Gehalts einfließt und der keine Vertriebskosten hat.

Garantieren Sie ein Renteneintrittsalter?
Ja, 67 Jahre. Ich stehe dafür, dass das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht weiter angehoben wird. Denn faktisch ist jede Anhebung bei den meisten eine reale Rentenkürzung.

Auch explodierende Mieten belasten die Bürger.
Wir müssen mehr bauen. Ich will ein Bündnis für Wohnen, in dem Wohnungsunternehmen, Bauindustrie und Mieterinnen und Mieter zusammenarbeiten. Das ist kein Hexenwerk. Mein Ziel ist es, jedes Jahr 100.000 Wohnungen pro Jahr mehr zu bauen als bislang, auch geförderte mit niedrigen Mieten. Bis die gebaut sind, können wir durch ein Moratorium dafür sorgen, dass die Mieten nicht durch die Decke gehen.

Laut Klimaschutzgesetz muss Deutschland in knapp 25 Jahren klimaneutral sein. Was ist der wirklich große Hebel?
Die Industriepolitik. Die Chemie-, die Stahl-, die Zementindustrie, der Automobil- und Maschinenbau…die wissen alle längst selbst, wie man bis 2045 klimaneutral wirtschaften kann.

Wie denn?
Wenn wir auf Kohle, Gas und Öl verzichten, brauchen wir stattdessen viel mehr Strom – und dieser Strom muss aus Erneuerbaren Energien kommen, also vor allem Windkraft und Sonne. Nur mal eine Zahl: Die Chemieindustrie allein wird 2050 so viel Strom verbrauchen wie Deutschland heute insgesamt nutzt. Deshalb müssen wir schneller und stärker ausbauen und brauchen ein modernes Stromnetz. Im ersten Regierungsjahr müssen wir sofort alle Planungen darauf ausrichten. Mit festen Ausbauzielen für Windkraft auf hoher See und an Land - sowie Solarenergie.

Es gibt viele Leute, die haben ein altes Häuschen mit Ölheizung, pendeln mit dem Diesel zur schlechtbezahlten Arbeit. Wie verteilen Sie die Klimakosten gerecht?
Wir dürfen diese große industrielle Aufgabe nicht einfach auf den Einzelnen abwälzen. Ja, wir brauchen für Wohnen und Verkehr eine CO2-Bepreisung – aber moderat. Kaum einer kann sich wegen steigender Ölpreise mal eben eine neue Heizung kaufen. Oder ein neues Auto. Der CO2-Preis ist ja keine Strafe, sondern die Ansage: Auf Dauer wird das teurer und wenn du klimafreundliche Entscheidungen treffen kannst, tu das. Und dann machen wir Förderprogramme, damit man sich vielleicht doch eine bessere Heizung leisten kann. Wichtig ist auch der Strompreis.

Der steigt und steigt!
Der muss runter. Gerade, wenn wir die Leute dazu bringen wollen, auf strombasierte Alternativen wie die Wärmepumpe beim Heizen umzusteigen. Die Förderung der erneuerbaren Energien sollte nicht über den Strompreis bezahlt werden. Ich will daher die EEG-Umlage nicht mehr über den Srompreis finanzieren. Das bedeutet für eine vierköpfige Familie eine Entlastung beim Strompreis von 300 Euro im Jahr.

Zur Zukunftsfähigkeit gehört die Digitalisierung. Warum dauert das in dünn besiedelten Gebieten so unfassbar lange?
Wir haben ein Problem mit dem Planungsrecht in Deutschland. Da muss Tempo rein. Auch bei der Bahn: Da dauert der Bau einer neuen Bahnstrecke 15 Jahre… Ich will die Infrastrukturverantwortung neu organisieren. Private Breitband-Anbieter etwa müssen wir in die Pflicht nehmen. Sie suchen sich gerne die Orte aus, wo viele Kundinnen und Kunden sind, also die Städte, und vernachlässigen den Rest. Da brauchen wir klare Vorgaben in den Verträgen. Und verbindliche Terminsetzungen, auch per Gesetz. Ich will die GigaBit-Gesellschaft.

Wann hat mit Ihnen jeder schnelles Internet?
Da will ich realistisch sein: Es wird ein paar Jahre dauern, aber nicht ganz bis zum Ende des Jahrzehnts. Ganz klar, bei der Digitalisierung muss Politik klarer und fordernder auftreten als bisher. Darum muss man sich kümmern und klare Bedingungen für die Telekommunikationsunternehmen aufstellen.

Zu viel Bürokratie, unklare Zuständigkeiten waren auch mit schuld an den Folgen der Flutkatastrophe im Juli, oder?
Auch – aber nicht nur. Ich habe mir das vor Ort angeschaut, habe das Entsetzen erlebt über die vielen Toten, über die Verletzten und die Zerstörungen in Rheinland-Pfalz, in Nordrhein-Westfalen und auch in Bayern. Die Trauer über den Verlust der Eltern, der Geschwister, der Kinder können wir mit keinem Geld der Welt lindern. Wir können aber dabei helfen, Häuser, Betriebe und Infrastruktur wiederaufzubauen. Das ist eine nationale Katastrophe.

Rente, Mieten, Internet: Sie sind Vizekanzler und Finanzminister – warum haben Sie Ihre Pläne noch nicht umgesetzt?
Die SPD hat vieles um- und durchgesetzt, oft gegen den Koalitionspartner CDU/CSU. Geführt und gelenkt wird aber nun mal aus dem Kanzleramt. Als ich Erster Bürgermeister Hamburgs war, habe ich gesagt: Wir brauchen mehr Wohnungen, kostenlose Kita-Plätze und mehr Unterstützung beim Berufseinstieg nach der Schule. Ich habe mir Ziele gesetzt – und sie erreicht.

Wenn Sie sich selbst mit drei Eigenschaften beschreiben, welche sind das?
Ich bin eher entspannt und werde nicht hektisch, wenn es schwierig wird. Ich bin bereit, Entscheidungen zu treffen. Und ich nehme meine Aufgaben sehr ernst.

Während BILD der FRAU das Gespräch mit Olaf Scholz führt, die Ruderfreunde Würstchen grillen – spitzt sich die Lage in Afghanistan zu. Noch in kurzen Hosen zieht sich Scholz neben eines der Ruderboote zurück, führt Krisentelefonate.

Herr Scholz, 20 Jahre Einsatz – und jetzt ist innerhalb von drei Wochen alle Hoffnung zunichte, Frau sein in Afghanistan wieder lebensgefährlich. Ihre spontanen Gefühle?
Entsetzlich. Wie es jetzt weiter geht – das macht mir große Sorgen und das bedrückt mich sehr. Wir sind nach den Anschlägen auf das World-Trade-Center nach Afghanistan gegangen. Ich habe die Bilder noch im Kopf, ich war damals Innensenator in Hamburg, mehrere der Terroristen hatten in der Stadt gelebt. Es war richtig, wie wir damals gehandelt haben. Und wir hatten auch die Hoffnung, dass gesellschaftlicher Fortschritt in Afghanistan möglich ist, mehr Demokratie, mehr Frauenrechte.