14.01.2021 | Rede beim Online-Neujahrsempfang des AWO-Bundesverbands

- Es gilt das gesprochene Wort -

Lieber Wilhelm Schmidt,
lieber Jens Schubert,
sehr geehrte Damen und Herren,

Marie Juchacz hätte sich sicher gefreut, dass ihre Initiative zur Gründung der AWO im Dezember 1919 zu einem Wohlfahrtsverband führte, der heute nicht nur zu den ältesten in Deutschland zählt, sondern seit über 100 Jahren auch zu denen, auf die immer Verlass war – und ist.

Die AWO hat das Herz am richtigen Fleck. Sie ist da, wo Zusammenhalt und Unterstützung gebraucht werden, wo es darauf ankommt, miteinander zu sein und gemeinsam zu wirken.

Wie wichtig die Arbeit der AWO ist, haben wir einmal mehr in der Corona-Pandemie gesehen. Die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren unter schwierigen Bedingungen oft noch viel mehr gefordert als sonst: Besonders hart traf es die Alten- und Pflegeeinrichtungen. Wer dort lebt und arbeitet, ist durch das Virus besonders gefährdet. Um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen, muss dort noch viel mehr getestet werden als das in der Vergangenheit der Fall ist. Wir haben deshalb sichergestellt, dass die Einrichtungen die Kosten erstattet bekommen und wir setzen darauf, dass das mit dem Testen jetzt auch überall in Deutschland und in jeder Einrichtung klappt.

Aber auch in der Wohnungslosenhilfe, in zahllosen Beratungsstellen, wenn die Essensversorgung trotzdem organisiert werden musste und auch in den Frauenhäusern wurde Großes geleistet.

Die AWO ist immer für alle da. Auch für diejenigen, die besonders hart getroffen sind, die krank oder allein sind und für die es schwer ist, sich selbst Gehör zu verschaffen.

Sie, meine Damen und Herren, die hauptamtlichen und die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AWO, stehen für das, was den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ausmacht: für Fürsorge, für ein solidarisches und dadurch auch leistungsfähiges Gemeinwesen.

Vor allem aber für Respekt! Sie begegnen den Bürgerinnen und Bürgern im Alltag, in der Not, in schwierigen und in fröhlichen Zeiten – immer auf Augenhöhe. Und genau das ist es, was wir brauchen, um die Zukunft als Gesellschaft gemeinsam zu gestalten. Wir müssen uns bewusstmachen, was man bei der AWO schon seit über 100 Jahren weiß:

Man muss sich aufeinander verlassen können.

Deshalb muss unsere Gesellschaft von Respekt und Zusammenhalt getragen sein.

Es geht um Haltungen, persönliches Engagement, aber immer auch um soziale Bürgerrechte. Mit sozialen Bürgerrechten meine ich zum Beispiel: gute und kostenfreie Bildung, eine gute Gesundheitsversorgung, ein System der Pflege und Unterstützung im Alter, eine verlässliche Altersversorgung und einen ebenso verlässlichen Schutz in Notlagen.

In gleicher Weise gehören dazu auch gute und zukunftsfähige Arbeitsplätze, eine gute Arbeitsmarktpolitik und dass wir durch Fort- und Weiterbildungs- sowie Umschulungsmöglichkeiten dafür sorgen, dass alle gut mit den anstehenden Veränderungs- und Transformationsprozessen der 20er Jahre zurechtkommen können.
Respekt füreinander zu haben, das muss in Zukunft auch heißen: jede Arbeit verdient die gleiche Anerkennung. Dass sich jede und jeder vom eigenen Einkommen ein ordentliches Leben leisten kann. Auch deshalb halte ich gute Tariflöhne, ordentliche Löhne, aber eben auch einen gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro für wichtig.

Wie die AWO in ihrer täglichen Arbeit zeigt: Respekt hat noch viele andere unverzichtbare Facetten: dass die Geschlechter gleichberechtigt sind, dass Menschen mit Behinderung nicht ausgeschlossen werden und wir Barrieren abbauen, dass wir als Einwanderungsgesellschaft Rassismus entgegentreten und uns Vielfalt und Integration wichtige Anliegen sind.

Und die AWO weiß, dass wir uns für all das auch über unsere Landesgrenzen hinaus in der Europäischen Union und um den Globus herum stark machen müssen.

Ihre Arbeit, meine Damen und Herren, bewirkt einen großen Unterschied: Was Sie täglich leisten, macht unsere Gesellschaft Stück für Stück besser.

Es ist gut, dass Sie da sind, Sie werden gebraucht, gerade in diesem Jahr. Wir haben die Pandemie noch nicht überwunden, und auch, wenn Bund und Länder versuchen, die ökonomischen und sozialen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten, werden wir es mit einigen Verwerfungen zu tun bekommen. Die Trauer derer, die Angehörige oder andere Nahestehende verloren haben, können wir als Staat nicht lindern. Aber wir können gemeinsam dafür sorgen, dass wir zusammenstehen und neu durchstarten – erst recht, wenn wir die Pandemie überwunden haben. Daran werden Sie einen ganz entscheidenden Anteil gehabt haben. Mit Ihnen gemeinsam wird das Jahr 2021 zumindest mit Zuversicht beginnen.

Schönen Dank!