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Symbolbild Olaf Scholz
Photothek
18.10.2022 | Berlin

Rede anlässlich der Festveranstaltung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften

Sehr geehrter Herr Ploss,

sehr geehrter Herr Wörner,

meine Damen und Herren,

kennen Sie das dritte Axiom des englischen Physikers und Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke? Es lautet: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

Anders ausgedrückt: Technologischer Fortschritt braucht Forscherinnen und Forscher, die über das Vorstellbare hinausgehen. Erst die Freiheit der Idee, nur die wissenschaftliche Neugier sorgt für Innovationen. Damit bin ich bei acatech und der Magie, die Sie hier tagtäglich vollbringen, indem Sie Innovationen von der ersten Idee bis zur Anwendung durchdenken, indem Sie Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft an einen Tisch bringen.

Zauberkunst brauchen wir in diesen Krisenzeiten mehr denn je. Russlands Krieg hat alte Gewissheiten zerstört. Eine hochgerüstete Nuklearmacht will mit Gewalt die Grenzen Europas verschieben und spricht einem anderen Land das Existenzrecht ab. Tapfer kämpfen die Ukrainerinnen und Ukrainer um ihre Freiheit, ihr Land und - ja- ihr Leben. Das ist bewundernswert. Wir werden die Ukraine weiter unterstützen, und zwar so lange wie nötig.

Aber längst geht es bei Russlands Krieg nicht mehr nur um die physischen Grenzen von Ländern. Es geht auch um metaphysische Grenzen, um unsere Regeln der Zusammenarbeit und des Zusammenhalts, unsere Werte und unseren Wohlstand. Die Zeitenwende betrifft daher jede und jeden von uns.

Wir müssen unsere Energieversorgung unabhängig von Russland organisieren können. Deshalb werden wir schon zum Jahreswechsel die ersten Flüssiggasterminals ans Netz nehmen. Wir haben über den Sommer Gas eingespeichert, sodass unsere Speicher jetzt zu 95 % gefüllt sind. Und seit März haben wir inzwischen vier Entlastungspakete im Umfang von - alles zusammengerechnet - 300 Milliarden Euro geschnürt, um die Bürgerinnen und Bürger, um Unternehmen, um Forschungs- und Kultureinrichtungen mit den rasant steigenden Preisen nicht allein zu lassen. Das wird uns helfen, durch diesen Winter zu kommen.

Aber mit genauso viel Nachdruck, wie wir ein Sondervermögen für die Bundeswehr geschnürt haben, wie wir Abwehrschirme für die Bürgerinnen und Bürger sowie die Wirtschaft spannen, stellen wir uns den Themen der Zukunft. Denn eines hat Russlands Krieg doch ebenfalls ganz deutlich gezeigt: Jetzt erst recht müssen wir die Transformation unserer Wirtschaft hin zur Klimaneutralität voranbringen und uns unabhängig machen von fossilen Brennstoffen! Jetzt erst recht müssen wir die Bremsklötze beim Ausbau erneuerbarer Energien lösen! Jetzt erst recht brauchen wir Investitionen in Digitalisierung und Europas technologische Souveränität. Mit diesem Fortschrittsversprechen ist die Bundesregierung angetreten - und dieses Versprechen gilt! Es einzulösen ist heute dringender denn je. Denn wir stehen vor dem größten Wandel seit Beginn der Industrialisierung, der Doppeltransformation aus Dekarbonisierung und Digitalisierung.

So unterschiedlich diese Herausforderungen auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Um sie zu bewältigen, brauchen wir die nötigen Technologien. Das macht Ihre Magie hier bei acatech so bedeutend für unser Land! Das macht den engen Austausch zwischen Politik und Technikwissenschaften so wichtig.

Fächer wie Medizin oder Philosophie sind bereits seit Jahrhunderten fester Bestandteil von Akademien. Aber trotz ihrer großen Bedeutung blieben die Ingenieurwissenschaften als angewandte Naturwissenschaften dabei in Deutschland lange außen vor; es gab nur vereinzelt Initiativen.

Umso intensiver war dann Ihr Auftakt nach der Gründung der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften vor 20 Jahren. Seither haben Sie immer wieder für Fortschritt gesorgt. Sie haben entscheidend dabei mitgeholfen, die universitäre Ausbildung von Ingenieuren den Anforderungen der Zeit anzupassen. Ihre Prognosen zur Entwicklung der Mobilität sind eine wichtige Grundlage unserer Verkehrspolitik - falls Sie es noch nicht gemerkt haben. Früh haben Sie erkannt, wie wichtig das Feld der Medizintechnologie ist, um nur einige Highlights zu nennen.

Zusammenarbeit über die Disziplinen hinweg war dabei von Tag 1 an Teil der DNA von acatech genauso wie die Vermittlung, was Technologie für die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes bedeutet. Oder wie Ihr ehemaliger Präsident Joachim Milberg es einmal formuliert hat: „Wir wollen einen Beitrag dafür leisten, dass Technik in unserer Gesellschaft wieder als Bereicherung und nicht länger als Belastung empfunden wird.“ Als Bereicherung und als zwingend notwendige Investition in unsere Zukunft, würde man heute wohl hinzufügen. Denn diese Zukunft hängt davon ab, ob wir unsere Souveränität bei bestimmten Schlüsseltechnologien behaupten können. Ich denke etwa an Halbleiter-, Mikro- und Quantenelektronik, an Kommunikations- und Energietechnologien und natürlich auch an Künstliche Intelligenz.

Die Europäische Union hat das verstanden und arbeitet am Ziel technologischer Souveränität - Souveränität wohlgemerkt, nicht Autarkie. Internationale Zusammenarbeit bleibt nach wie vor wichtig. Aber wir werden uns in strategisch wichtigen Bereichen von einseitigen Abhängigkeiten befreien. Erste Erfolge sehen wir bereits, nicht nur, aber auch zum Beispiel an der Investition von Intel in Magdeburg. In den kommenden Jahren werden dort Milliarden in eine Chip-Fabrik gesteckt. Auch mit Unternehmen wie Infineon, Bosch, GlobalFoundries oder NXP arbeiten wir daran, Hochtechnologie hier in Europa herzustellen.

Ein weiteres Beispiel, das mir Hoffnung macht, sind die Quantentechnologien. In der Forschung sind wir auf diesem Feld bereits weltweit vorne dabei. Jetzt kommt es darauf an, diese Forschungsergebnisse in die Anwendung zu bringen und den Beginn einer Wertschöpfungskette zu bilden. Auch als Bundesregierung wollen wir den Schritt von Gründern und Startups in die Geschäftswelt erleichtern. Dazu schaffen wir eine Agentur für Transfer und Innovation, die Wissenschaft, Wirtschaft und staatliche Stellen zusammenbringt. Bei all dem zählen wir auf die Expertise von acatech.

Ein gutes Beispiel dafür, wie eine von acatech mitinitiierte und entwickelte Idee inzwischen in ganz Europa Schule macht, ist der Mobility Data Space. In meiner Rede zur Zukunft Europas Ende August an der Prager Karls-Universität habe ich auf die Bedeutung dieser Initiative hingewiesen und für einen einheitlichen europäischen Raum für Mobilitätsdaten geworben, um Europa zum Vorreiter für die Mobilität der Zukunft zu machen.

Der Mobility Data Space lebt vom Datenaustausch zwischen Automobilindustrie, Mobilitätsdienstleistern und Kommunen. Ich bin Ihnen daher sehr dankbar dafür, dass Sie an der weiteren Skalierung des Mobility Data Space arbeiten, insbesondere auch im Austausch mit unseren europäischen Nachbarn. Der Mobility Data Space ist eines der Leuchtturmprojekte bei GAIA-X. Das große Interesse national wie in Europa ist Anerkennung für Ihre Arbeit, für ein Stück Magie made by acatech. Ich hoffe, der Datenraum Kultur, den Sie gerade planen, wird ähnlich erfolgreich. Und wie ich höre, denken Sie auch über einen Datenraum Gesundheit nach. Vielen Dank für die viele Pionierarbeit! Sie ist natürlich nur ein Beispiel für die notwendige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, zwischen Gemeinden, Ländern, dem Bund und Europa.

Da ist die Industrie 4.0, deren Erfolg uns hier in Deutschland als eine Art Blaupause dienen kann. Um daran anzuknüpfen, müssen wir die Industrie 4.0 nun mit den neuen Potenzialen von KI und Robotik verknüpfen nicht nur theoretisch, sondern anwendungsorientiert, so wie es acatech bereits tut, etwa mit der Plattform Lernende Systeme.

Das zweite Megathema ist Wasserstoff und vor allem Grüner Wasserstoff. Wasserstofftechnologien bestimmen das Gelingen der Energiewende und damit die gesamte Transformation unserer Wirtschaft hin zur Klimaneutralität. Wir brauchen einen Elektrolyse-Boom in Europa, habe ich in meiner Prager Rede gesagt. Die Mittel, um in die nötige Infrastruktur zu investieren, stehen mit Programmen wie „Next Generation EU“ oder „IPCEI Wasserstoff“ bereit. Der Schlüssel zur großindustriellen Anwendung von Wasserstoff aber sind Forschung und Erfindergeist. Auch hier leistet acatech wichtige Beiträge, etwa mit der Plattform Energiesysteme der Zukunft sowie mit Ihrem Wasserstoff-Kompass. Ich kann Sie nur ermutigen: Arbeiten Sie weiter mit uns auf diesem Zukunftsfeld!

In der Bundesregierung stoßen Ihre Vorschläge und Ideen auf offene Ohren - nicht zuletzt, weil unsere digitale, vernetzte, hochtechnologisierte Welt immer komplexer wird. Gute Politik ist daher mehr denn je auf den Rat der Wissenschaft angewiesen. Diesen Rat suchen wir.

Eine meiner ersten Entscheidungen als Bundeskanzler war, ein Gremium von Expertinnen und Experten einzuberufen, das uns seither - über unterschiedliche Disziplinen und Denkschulen hinweg - in der Corona-Politik berät.

Auch die Allianz für Transformation, die sich heute Vormittag zum zweiten Mal getroffen hat, ist ein zentrales Beratungsgremium an der Schnittstelle zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.

Zuletzt haben wir uns zum Beispiel intensiv mit den Vorschlägen der Gaspreiskommission auseinandergesetzt, die wir in den kommenden Wochen umsetzen werden. Und ich bin acatech sehr dankbar, dass Sie sich am Zukunftsrat beteiligen, der uns dabei hilft, Innovationen voranzubringen und technologische Trends früh zu erkennen.

Meine Damen und Herren, so entsteht wissenschaftsbasierte Politik. Das bedeutet, dass wir den eingeschlagenen Kurs immer wieder überprüfen und - wo nötig - an neue Erkenntnisse und den technologischen Fortschritt anpassen und natürlich, dass wir der Wissenschaft Raum lassen, ihre Magie zu entfalten, Magie, wie Sie hier bei acatech seit 20 Jahren entsteht. Schönen Dank dafür!