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Symbolfoto: Olaf Scholz
Photothek
20.02.2024 | Berlin

Rede anlässlich des 60. Geburtstags von BDA-Präsident Dr. Rainer Dulger

Meine Damen und Herren,
vor allem sehr geehrter Herr Dr. Dulger,

zu Ihrem 60. Geburtstag gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen. Über Ihre Einladung habe ich mich besonders gefreut. Manche finden es vielleicht etwas überraschend, dass gerade ich Ihr Festredner bin. Schließlich schauen Sie ja der Bundesregierung qua Amt gewissermaßen kritisch auf die Finger. Aber ich finde, das passt schon. Wir haben eigentlich eine ganze Menge gemeinsam.

Das fängt damit an, dass wir beide der Generation der Boomer angehören. Wir sind also zwei von sehr, sehr vielen. Heute stellen die Geburtsjahrgänge 1955 bis 1970, also die Boomer, fast 30 Prozent der Bevölkerung in unserem Land. Und wenn wir uns hier in diesem Saal so umgucken, dann sehen wir: Ziemlich viele aus dieser Kohorte sind heute dabei, um mit Ihnen ein bisschen zu feiern und Ihnen natürlich zu gratulieren.

Ihr Jahrgang – 1964 – ist sogar der geburtenstärkste Jahrgang überhaupt in der Geschichte unseres Landes. Als eines von 1,36 Millionen Kindern in beiden Teilen Deutschlands wurden Sie 1964 geboren. Nur zum Vergleich: Im vorigen Jahr hatten wir in Deutschland noch etwa 700.000 Geburten, grob gerechnet also halb so viele wie 1964.

Und ich erinnere mich auch noch an meine Jugend. Da hatte ich immer das Gefühl: Da sind so viele andere Kinder unterwegs. Das hat dann mit der Zeit ein bisschen nachgelassen, aber man merkt, es wird auch wieder anders. Insofern ist da vielleicht ein Trend für die Zukunft sichtbar. Aber es ist schon etwas ganz Besonderes, was man früh gemerkt hat: Man ist mit vielen unterwegs.

Da neigt sich – das bleibt aber trotzdem zu sagen – langsam eine Ära ihrem Ende zu, und die Zeit nach uns Boomern wird anders sein, mit ziemlicher Sicherheit nicht einfacher, sondern komplexer. Demografie, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Klimakrise, industrielle Transformation, der Aufstieg des globalen Südens, die Wiederkehr von Krieg, Imperialismus und autoritären Bewegungen in Europa – das alles macht jedenfalls eines klar: Die Lösungen für die Welt von heute und morgen finden wir nicht in der Welt von gestern. Die Rückkehr in irgendeine „gute alte Zeit“ ist keine realistische Option. Jetzt kommt es darauf an, dass wir gemeinsam daran arbeiten, dass es eine „gute neue Zeit“ geben kann – auch für neue Generationen, die uns allen nachfolgen.

Ich meine: Das ist die große Verantwortung, der wir gemeinsam gerecht werden müssen. Denn als Boomer sind wir zugleich die Kinder von Wiederaufbau und – im Westen – Wirtschaftswunder. Die große Erfolgsgeschichte unserer bundesrepublikanischen Demokratie war schon angelegt, als wir auf den Plan traten. Diese Erfolgsgeschichte hatte Millionen Mütter und Väter, unsere Mütter und Väter. Millionen von fleißigen Arbeitern und Arbeiterinnen, Trümmerfrauen, Ausgebombte, Spätheimkehrer, Kriegswaisen, Geflüchtete und Vertriebene: Sie alle mussten erst einmal neu Fuß fassen nach dem von Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg.

Das gilt nicht zuletzt auch für die vielen erfolgreichen Unternehmer in unserem Land. Einer von diesen erfolgreichen Unternehmern, lieber Herr Dulger, war Ihr Vater. Sie haben schon davon gesprochen. Jahrgang 1935, geboren in Bessarabien, als Kind geflüchtet aus Ostpreußen, etablierte er sich nach dem Krieg in Heidelberg als Ingenieur und Erfinder, als Selfmademan, als Gründer und Kulturmäzen. Mit seinem 1960 gegründeten Unternehmen verkörperte Viktor Dulger beispielhaft die Ära des Wirtschaftswunders.

Kurz nach der Jahrtausendwende haben dann Sie gemeinsam mit Ihrem Bruder die Leitung der ProMinent GmbH übernommen – Sie haben darüber eben schon ausführlich berichtet –, und unter Ihrer beider Führung stieg das Unternehmen in seinem Segment der Dosierpumpen zum Weltmarktführer auf. Damit steht es ziemlich stellvertretend für die vielen inhabergeführten Hidden Champions in Deutschland.

Das will ich gerne auch sagen: Das ist etwas ganz Besonderes in unserem Land – etwas, das es in vielen anderen Ländern nicht gibt. Ich habe einmal ein Gespräch geführt mit einem englischstämmigen Geschäftsführer in Deutschland, der mir wirklich gesagt hat, er sei deshalb in Deutschland aktiv, weil es so viele mittelständische Unternehmen – ein paar hundert, wenige tausend Unternehmen, die den ganzen Weltmarkt bespielen –, in vielen anderen Ländern Europas nicht gibt. Das ist eine Besonderheit, die unser Land wie nur wenige Länder kennzeichnet. Wer manchmal fragt, wo eigentlich die wirkliche Stärke der deutschen Wirtschaft herkommt, der kann eine klare Antwort geben: einmal durch unseren Mittelstand und seine globale Orientierung auf dem Weltmarkt, und natürlich auch – was immer unterschätzt wird – durch Forschung und Entwicklung, die einen so großen Beitrag zur wirtschaftlichen Exportstärke Deutschlands leisten.

Auch das kann man eigentlich mit einfachen volkswirtschaftlichen Zahlen betrachten. Wer sich die großen europäischen Volkswirtschaften anguckt, der wird sehr genau sehen, dass die Frage der Exportstärke unmittelbar in Relation zu der Frage steht: Wie groß sind eigentlich die Ausgaben von Forschung und Entwicklung, staatlich und vor allem in den Unternehmen?

Da liegen wir eben einsam vorne als Bundesrepublik Deutschland – und das ist die eine andere wichtige Voraussetzung für unseren heutigen wirtschaftlichen Erfolg. Wenn man sich die Statistik sogar noch einmal global anschaut, dann gibt es auch interessante Einsichten. Wenn man das Länderranking macht, sind es im Augenblick: die USA, China, Japan, Deutschland. Aber eigentlich müssten es sein: die Europäische Union, die USA, China.

Nur weil es eben keineswegs der Fall ist, dass überall in Europa so viel für Forschung und Entwicklung aufgewandt wird, wie das in Deutschland der Fall ist, bleibt die Gesamtentwicklung Europas vielleicht hinter den Möglichkeiten, und da liegt eine große Aufgabe vor uns allen, wo wir etwas tun müssen.

Die mittelständischen Unternehmen, über die ich eben als die eine Grundlage gesprochen habe, sind es jedenfalls, die das Rückgrat unserer Volkswirtschaft bilden. Sie bilden gute Arbeitsplätze, sie schaffen Wohlstand. Oft wirken sie auch als Stabilitätsanker in ihrer jeweiligen Region. Und deshalb ist es gut, dass bei der heutigen Veranstaltung das Unternehmertum in Deutschland im Fokus steht und dass Sie darüber auch so viele Worte gefunden haben. Ich will das ausdrücklich sagen; man kann es gar nicht oft genug sagen.

Und das mit dem Tatort, das müssen wir unbedingt aufgreifen. Ich weiß nicht, ob der Bundeskanzler sich jetzt beim Fernsehrat des einen oder anderen Senders beschweren sollte, aber das Bild ist wirklich falsch, und so sollte es nicht weitergetragen werden. Denn ohne mutige Unternehmer keine Innovation, kein technischer Fortschritt, keine duale Ausbildung, keine sicheren Arbeitsplätze und Einkommen und auch keine Steuereinnahmen; ohne mutige Unternehmer keine soziale Marktwirtschaft und auch kein „Made in Germany“ als global geachtete Marke. In dieser Einschätzung sind wir uns sicherlich einig.

Unsere Übereinstimmung geht aber noch weiter. Genau wie Sie bin ich nämlich davon überzeugt, dass zu der ganz großen Stärke unserer Demokratie unsere funktionierende Sozialpartnerschaft dazugehört. Dass Sie das so sehen – Sie haben es eben ausgeführt –, zeigt sich auch darin, dass Sie als Unternehmer seit vielen Jahren zusätzlich noch besondere gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Unter anderem standen Sie drei Jahre lang an der Spitze von Südwestmetall. Acht Jahre lang waren Sie Präsident von Gesamtmetall. Sie engagieren sich etwa für die Universität Heidelberg, für die Hochschule Mannheim und für die Stiftung der deutschen Wirtschaft.

Aber seit 2020 sind sie vor allem eines: Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Als Spitzenorganisation der deutschen Wirtschaft vertritt der Bund Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) die Interessen von rund einer Million Unternehmen mit fast zwei von drei Beschäftigten in Deutschland. Damit ist die BDA eine tragende Säule unserer sozialen Marktwirtschaft, einer der Sozialpartner, die sich im kooperativen Konflikt miteinander über Löhne und Arbeitsbedingungen verständigen.

Kooperation im Konflikt, das klingt widersprüchlich, aber es bedeutet: Starke Partnerschaft braucht ein starkes Gegenüber. Wir brauchen starke Arbeitgeberverbände und starke Gewerkschaften, die gemeinsam Verantwortung für ihre Mitglieder, aber auch für unser Gemeinwesen als Ganzes übernehmen.

Wie Sie sehe ich deshalb mit Sorge, dass die Tarifbindung in Deutschland abnimmt. Wir werden mit einem Tariftreuegesetz unseren Beitrag leisten, um das zu ändern. Um den Trend entscheidend umzukehren, brauchen wir aber vor allem auch gemeinsame Vorschläge von BDA und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Die Umsetzung solcher gemeinsamen Vorschläge – sofern die Bundesregierung dafür gebraucht wird; das ist ja nicht immer der Fall, wie Sie gesagt haben – wird jedenfalls nicht an uns scheitern.

Die Folgen, die die Coronakrise und der russische Angriff auf die Ukraine für Deutschland hatten, waren immens. Die hohe Inflation hat viele Bürgerinnen und Bürger hart getroffen. Gerade in diesen schwierigen Zeiten hat sich aber zugleich gezeigt, wie gut die Sozialpartner zusammenarbeiten, wenn es darauf ankommt – untereinander und auch mit der Politik.

Ein sehr gutes Beispiel dafür sind unsere Gespräche im Rahmen der Konzertierten Aktion. Hier wurde gemeinsam die abgabenfreie Inflationsausgleichsprämie beschlossen. Das klingt technisch, aber am Ende hat allein dieses Instrument Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch eine wirklich fordernde Zeit geholfen. Zugleich haben wir den Kurs der Europäischen Zentralbank gestützt, die Inflation schnell und erfolgreich zu drücken. Auch unser deutscher Exportüberschuss ist inzwischen zurück auf seinem früheren Vor-Corona-Niveau: 22,2 Milliarden Euro betrug er im vorigen Dezember, fast so viel wie beim Allzeithoch vom April 2016.

Sie, lieber Herr Dulger, haben gemeinsam mit Yasmin Fahimi gehandelt. Damit haben Sie entscheidend mitgeholfen, unsere Volkswirtschaft zu stärken, und damit haben sie zugleich ausdrücklich gezeigt: Die Sozialpartnerschaft lebt. Viele Länder beneiden Deutschland um diese gute Zusammenarbeit. Das hat auch maßgeblich immer mit den handelnden Personen an der Spitze zu tun. Das ist ja kein System, das von alleine funktioniert, sondern es funktioniert, weil es Frauen und Männer gibt, die das für sich als Aufgabe begreifen – und übrigens auch immer die Leadership haben, die Führungsfähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Kompromisse möglich zu machen. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bedanken: bei Ihnen, bei Frau Fahimi und bei den vielen, vielen anderen, die daran weiter mitwirken. Herzlichen Dank im Namen des ganzen Landes!

Als Arbeitgeberpräsident haben Sie aber noch eine weitere Rolle neben der des Sozialpartners – und Sie haben eben auch gezeigt, wie sehr –: Sie setzen sich intensiv für die Belange der deutschen Wirtschaft ein, für große und kleine Unternehmen, für Industriebetriebe und für Dienstleister. Hier erwartet man von Ihnen deutliche Worte, und die finden Sie auch – in Richtung der Bundesregierung und mancher anderer. Das gehört dazu und ist okay.

Der Blumenstrauß der Wünsche, der uns von vielen aus sehr unterschiedlichen Richtungen in den letzten Wochen erreicht hat, umfasst mindestens die folgenden Forderungen: Wir sollen die Sicherheit der Energieversorgung garantieren. Wir sollen deutlich mehr in Sicherheit und Verteidigung unseres Landes investieren. Wir sollen für die energieintensive Industrie oder am besten gleich für alle Unternehmen die Energiepreise subventionieren. Wir sollen deutlich mehr Geld investieren in moderne Verkehrsinfrastruktur, in Digitalisierung und Bildung. Wir sollen die Steuern für die Unternehmen senken. Zugleich sollen wir bestehende Subventionen keinesfalls kürzen, ja zugunsten der Transformation sogar noch neue Subventionen bereitstellen ‑ auch das ist gefordert worden; nicht immer von den gleichen. Und fast hätte ich es vergessen: Bei all dem sollen wir selbstverständlich stabile Staatsfinanzen garantieren und die Schuldenbremse einhalten.

Irgendwie ist das schwierig. Ganz auf einmal geht das alles nicht. Die gute Botschaft ist: Ja, es gibt Wachstumsprogramme, die kein Geld kosten, zum Beispiel Bürokratieabbau und Planungsbeschleunigung – Sie haben davon gesprochen –, und die sind wirklich notwendig. Ich will an dieser Stelle ausdrücklich sagen, dass ich keines von den Worten zurücknehme, die ich bei der letzten Veranstaltung, die Sie zitiert haben, gesprochen habe. Ja, es ist wirklich notwendig. Wir haben über viele Jahrzehnte Stück für Stück mit großer Liebe unglaublich viele Vorschriften aufgebaut auf den Ebenen der Länder, der Landkreise, der Städte, des Bundes und der Europäischen Union. Manchmal sitzt man dann als Verantwortlicher im Unternehmen oder auch als Verantwortliche in einer Verwaltung und weiß gar nicht, wie das alles gehen soll. Ich glaube, das ist ein Problem, und wir müssen uns aus diesem Dickicht an Vorschriften befreien. Das ist dringend notwendig. Und das machen wir ja auch; das treiben wir sogar voran mit vielen, vielen Maßnahmen, die wir ergriffen haben. Aber wenn es um Geld geht, können wir eben nicht allen Wünschen zugleich nachkommen, sondern dann müssen wir Prioritäten setzen. Auch das tun wir.

Vielleicht darf ich bei dieser Gelegenheit für eine Sekunde ein ganz klein bisschen aktueller werden und sagen: Da gibt es so ein Wachstumschancengesetz, und wenn das beschlossen werden könnte, dann wäre das eine erhebliche Erleichterung für viele Unternehmen, für kleine und große Unternehmen, für den ganzen Mittelstand in Deutschland. Es wäre gut, wenn das trotz aller politischen Konflikte jetzt schnell über die Bühne gehen könnte.

Wir müssen etwas tun und tun etwas, zum Beispiel beim Thema bezahlbare und sichere Energie. Die Folgen von Russlands furchtbarem Angriffskrieg gegen die Ukraine haben uns hier in Deutschland hart getroffen, weil wir nicht gut vorbereitet waren. Die Bundesregierung hat in kürzester Zeit alle notwendigen Entscheidungen getroffen: in Rekordzeit gebaute LNG-Terminals, neue Importwege – alle wissen, wovon ich rede.

Nach vielen Jahren des Hinauszögerns sichern wir jetzt mit Entschlossenheit die verlässliche und nachhaltige Versorgung unseres Landes, indem wir die erneuerbaren Energien ausbauen. 2021 betrug der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung noch 42 Prozent. Voriges Jahr lagen wir zum ersten Mal überhaupt schon über 50 Prozent. Mit der Kraftwerksstrategie haben wir jetzt auch die Weichen dafür gestellt, dass der Strom auch dann verlässlich fließt, wenn einmal kein Wind weht und die Sonne nicht scheint. Das ist notwendig für ein Gesamtsystem, damit es funktioniert. Mit der Senkung der Stromsteuer für produzierende Unternehmen auf das europäische Minimum haben wir etwas getan, was das gesamte produzierende Gewerbe entlastet. Dazu kommt noch die Fortführung und Ausweitung der Strompreiskompensation einschließlich des „Super Cap“ für besonders energieintensive Unternehmen. Was nicht die großen Unternehmen, aber viele mittelständische Unternehmen entlastet, ist auch die je nach Jahr fast 20 Milliarden Euro große Entlastung von der EEG-Umlage im Strompreis.

Das sind also ganz erhebliche Veränderungen. Da jetzt auch die Preise für die von uns eingekaufte Energie auf den internationalen Märkten wieder sinken, gibt es in dem Bereich der Unternehmen der mittelständischen Wirtschaft schon ziemlich viele, die wieder bei Preisen angelangt sind, die auf dem Niveau liegen, auf dem sie vor der Krise gelegen haben. Das ist noch nicht die Lösung aller Dinge, aber doch ein ganz großer Fortschritt.

Das zweite Thema ist die Planungsbeschleunigung. Ich habe eben schon davon gesprochen, und auch Sie haben es gesagt. Es geht um etwas, was wir wirklich mit großer Wucht aufgreifen müssen, damit es tatsächlich gelingt. Anfang November des vorigen Jahres haben wir gemeinsam mit den Ländern den Deutschlandpakt für Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung beschlossen. Viel davon wird bereits in die Tat umgesetzt. Das andere ist in intensiver Vorbereitung und wird schnell geschehen. Als wir diese Maßnahmen entwickelt haben, waren viele, auch viele Verbände, sehr eng beteiligt. Deshalb enthält der Pakt substanzielle Verbesserungen.

Ein wichtiger Bestandteil des Deutschlandpakts ist die Digitalisierung der Antrags- und Genehmigungsverfahren zum Beispiel für die Wasserstoffnetze oder Industrieanlagen oder für Bauvorhaben und Windräder. Wir arbeiten daran, dass das klappt, genauso wie bei den Mobilfunkmasten, deren Genehmigung künftig, wenn ein Antrag gestellt wird und die Behörde nach drei Monaten nicht entschieden hat, automatisch erteilt werden soll und die dann auch gebaut werden können.

Wir haben auch das Baurecht entschlackt und uns auch dort ein langes Programm vorgenommen, damit wir es schneller hinbekommen, eine Werkshalle, ein Verwaltungsgebäude oder ein Wohngebäude zu bauen.

Das sind nur einige Beispiele. Für sich genommen mag jede einzelne dieser Maßnahmen irgendwie kleinteilig erscheinen. Aber das macht die Sache nur kommunikativ nicht einfach; richtig ist sie trotzdem. Denn im Ganzen ist die Wirkung groß. Das ist es, was wir wirklich brauchen. Denn Sie brauchen ja nicht erneut viele Leute, die Vorträge darüber halten, dass der Bürokratieabbau endlich vorankommen muss, sondern der Bürokratieabbau muss endlich vorankommen.

Das Letzte, was ich hier aufgreifen will ‑ auch Sie haben davon gesprochen, indem Sie über die Unternehmenskultur bei sich selbst in Ihrem Unternehmen gesprochen haben –, ist der Kampf gegen den Arbeitskräftemangel. Hierbei kommt es zum einen darauf an, dass wir alle Potenziale heben, die wir hier bei uns im Land noch heben können. Da gibt es noch einige. Aber wir wissen gleichzeitig auch, dass das nicht reichen wird. Deshalb kommt es zum anderen darauf an, dass wir Arbeitskräfte aus anderen Ländern gewinnen, wie es in den letzten Jahren in großem Umfang der Fall war. Wir als Boomer wissen es aus eigener, unser bisheriges Leben begleitender Erfahrung ganz genau: Unser Wohlstand und die Leistungskraft unserer Unternehmen würden ohne die vielen Bürgerinnen und Bürger, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nach Deutschland eingewandert sind, gar nicht existieren.

Jetzt brauchen wir dringend weitere Zuwanderer in unseren Arbeitsmarkt. Hierbei sind wir mit Riesenschritten vorangekommen. Wir haben nun mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz eines der modernsten Gesetze dieser Art auf der Welt. Grundsätzlich gilt: Wer hier bei uns anpacken will und wer hier bei uns anpacken kann, der ist hier bei uns in Deutschland willkommen.

Die Voraussetzungen sind mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz geschaffen. Jetzt kommt es darauf an, dass die Wirtschaft die neuen Möglichkeiten auch nutzt. Damit das gut klappt, arbeiten wir daran, die praktischen Verfahren für die Einreise, für die Visavergabe und die Anerkennung ausländischer Qualifikationen zu verbessern. Wahrscheinlich weiß jeder und jede hier im Raum genau, wovon die Rede ist. Denn das ist im Alltag der Unternehmen doch eine große Mühe. Aber auch hierbei geht es um Tempo. Auch hierbei geht es darum, so schnell wie irgend möglich die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen.

Eines will ich noch gern hinzufügen, weil es manchmal etwas untergeht. All diese Veränderungen, die wir angestoßen haben und vorantreiben, verlangen unserem Land viel ab, und zwar gerade deshalb, weil sie parallel zur Bewältigung ungekannter und längst vergessener externer Krisen stattfinden. Unvergessen bleibt für mich jedenfalls, wie klar sich die Arbeitgeberverbände nach Putins Angriff auf die gesamte Ukraine geäußert haben. „Freiheit und Demokratie gibt es […] nicht zum Nulltarif“, das haben Sie am 27. Februar 2022, dem Tag meiner Rede im Bundestag, gesagt und zugleich den Kurs gestützt, mehr in unsere Verteidigung zu investieren. Dass dies auch zulasten anderer Ausgaben gehen würde, war Ihnen klar. Ja, Sie haben diese Neuorientierung als „eine für die Entwicklung von Wirtschaft und Arbeit notwendige Reaktion“ bezeichnet. Daran werden wir beide in diesen Tagen und in den kommenden Jahren immer weder erinnern müssen. Denn ohne Sicherheit ist alles andere nichts.

Klar ist auch: Die aktuellen Krisen und die nötigen Reaktionen darauf sorgen auch für Verunsicherung bei uns und eigentlich überall in den klassischen westlichen Industrieländern. Deshalb ist bei allen nötigen Veränderungen eines besonders wichtig, nämlich, dass wir die soziale Balance und damit den Zusammenhalt unserer Gesellschaft festigen. In dieser Zeit müssen wir in Deutschland Maß und Mitte wahren.

Deshalb bin ich sehr froh darüber, dass auch Ihnen der Kampf gegen Extremismus, Rassismus und Antisemitismus ein dringendes Anliegen ist. Sie haben dies eben zu Eingang Ihrer Rede noch einmal sehr, sehr klar gemacht. Danke dafür!

Die BDA hat in ihrer gemeinsamen Erklärung mit dem DGB klare Worte gefunden. Darin heißt es: „Unser gemeinsames Verständnis von Wohlstand und Freiheit beinhaltet unwiderruflich das Bekenntnis zum Grundgesetz und zur Einheit Europas. […] den aktuellen Remigrationsplänen der Rechtsextremisten erteilen wir eine klare Absage. Unsere Betriebe sind ein Spiegel der Gesellschaft. Die Menschen, die bei uns und mit uns arbeiten, sind unsere Kolleginnen und Kollegen, unsere Nachbarn und Freunde. Jede Mitbürgerin und jeder Mitbürger muss sich in unserem Land sicher fühlen. Dafür stehen wir gemeinsam ein.“

Diese Sätze sind einerseits ein weiterer Beweis dafür, wie gut die Sozialpartnerschaft in Deutschland funktioniert, wenn es darauf ankommt. Sie zeigen andererseits, dass wir auch hier am selben Strang und in dieselbe Richtung ziehen. Wir haben ein geteiltes Interesse am erfolgreichen Kampf gegen politischen Extremismus.

Tragen wir gemeinsam dazu bei, dass wir angesichts dieser großen Aufgabe das Wesentliche im Blick behalten! Ja, Deutschland muss sich verändern und es verändert sich, sogar ziemlich rasant. Diese Veränderungen bekommen wir dann erfolgreich hin, wenn wir dabei als Gesellschaft, und zwar als demokratische Gesellschaft, zusammenbleiben.

Lieber Herr Dulger, das neue Buch des Soziologen Heinz Bude handelt von den Boomern. Darin beschreibt er die Lebenslage, in der sich viele Angehörige unserer Generation heute befinden. Ich will das zitieren: „Man ist beruflich in der Position, dass einem niemand mehr etwas vormachen kann, man stellt im Kontakt mit Freunden, Kolleginnen, Bekannten und Verwandten eine halbwegs respektable Person mit einer bestimmten Lebenserfahrung dar, man kann als öffentliche Person einen gewissen Einfluss entfalten und eine gewisse Bedeutung beanspruchen.“

Professor Bude fügt hinzu: „Um den sechzigsten Geburtstag herum wird einem dann klar, was man jetzt hinnehmen muss und was man noch bewirken kann.“ Lieber Herr Dulger, ich bin mir ziemlich sicher: Mit Ihrer Erfahrung, Ihrer Schaffenskraft und Ihrem Augenmaß werden Sie in den kommenden Jahren noch vieles bewirken. Dafür wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute und freue mich auf die weitere kritisch-konstruktive Zusammenarbeit und viele Begegnungen.

Schönen Dank!