Eminenz,
sehr geehrter Herr Behrendt,
sehr geehrter Herr Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg, Dr. Otto,
sehr geehrte Mitglieder des Konsularischen Korps,
sehr geehrter Herr Erster Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
es freut mich sehr, den 66. Überseetag heute mit zu eröffnen den so genannten Großen Überseetag", eine Bezeichnung, die er mit Recht trägt. Immer wieder hat sich das auch darin ausgedrückt, dass über den Tag hinaus gehende Gedanken so ausführlich entwickelt werden konnten, wie es manche Themen nun einmal verlangen. Diesen Raum gab und gibt man ihnen.
Das wird heute nicht anders sein und ich freue mich auf die Ausführungen Seiner Eminenz Kardinal Lehmann zu einem Thema, das die Welt und Europa, somit auch Deutschland, und nicht ganz zuletzt Hamburg berührt.
Unsere Stadt hat sich ihre Weltläufigkeit und die religiöse Toleranz, die unabdingbar zu derselben gehört, über lange Zeit erwerben müssen. Auch wenn wir manchmal nicht nur scherzhaft, aber auch nicht ganz ernsthaft behaupten, diese Eigenschaften seien Teil der hanseatischen DNA. Nein, wir wissen sehr gut, dass gerade die hanseatische Betrachtungsweise, weil sie eine unvermeidlich handelsbezogene war, den Hamburger Blick auch auf die Religion geprägt hat. Dass sie also einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der religiösen Pluralität unserer Stadt ausmacht.
Kann ich das belegen? Ich glaube ja:
Go ahead, then, so ungefähr wird der Wortlaut gewesen sein, als im Jahr 1611 die erstmalige Zulassung einer fremden Religion im seinerzeit lutherischen Hamburg zugestanden wurde; vielleicht mit dem gemurmelten oder auch nur gedachten Zusatz: If you must. Es war die anglikanische Kirche, der man dies gewährte, übrigens in einer Phase, als auf der britischen Insel Elisabeth I. und Maria Stuart schon Geschichte waren und ihre beiden Königreiche gemeinsam regiert wurden, so dass wir seither unparteiisch mit England und Schottland Handel treiben können.
Um den ging es auch im seinerzeitigen Kontext, denn man wollte einen Vertrag mit britischen Tuchhändlern schließen, von denen man sich in Hamburg eine Belebung des Hafengeschäftes erhoffte. Insofern ist die Gewähr der freien Religionsausübung, wenn ich das einmal etwas tongue-in-cheek sagen will, und das will ich jetzt, bereits von unseren majores durchaus auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet worden, deren Erbe zu erhalten uns die Inschrift am Rathauseingang ermahnt.
Trotzdem war das nicht alles. Auch im 17. Jahrhundert lebte der Mensch nicht vom Brot allein, strebte der Geist über Provinz- und andere Grenzen hinaus. Und jetzt zitiere ich noch einmal aus dem Englischen, sehr genüsslich aus den Oxford Journals:
The first complete printed edition of the Koran in Arabic was prepared by Abraham Hinckelmann and published by Benjamin Schiller in sixteen ninety four, 1694.
Das, meine Damen und Herren, war auch in Hamburg, wo der deutsche evangelische Theologe und Orientalist Abraham Hinckelmann im folgenden Jahr, nur 43 Jahre alt, verstorben ist. Und es war ein Vorgänger in meinem Bürgermeisteramt, Johann Diedrich Schaffshausen, der etliche Jahre vorher eine Handschrift, die als Vorlage diente, in Wien von einem Buchhändler erstanden und nach Hamburg jetzt würde ich gern sagen: verschifft hatte, aber das ging noch nicht.
Das war mehr als ein Geschäftsinteresse, das war der Wissensdurst eines weit gereisten Intellektuellen, das war so scheint es mir ein früher Beleg für die heraufziehenden Zeiten der Bildung und der interreligiösen Toleranz wenn auch ersteres noch lange nicht für alle Klassen und Schichten. Und letzteres noch lange nicht kontinuierlich und für alle Zeiten.
Dennoch sehe ich hier ein Zusammenwirken von Interessen, die in einem städtischen Hefeteig heute würden wir sagen: in einem urbanen Zukunftslabor nun mal besser gedeihen und aufgehen konnten als es für ländliche Gegenden zur selben Zeit denkbar war.
Der Islam aber kam erst später nach Hamburg. Die erste Moschee der Stadt wurde 1957 in Eimsbüttel gegründet, das war die Fazle-Omar-Moschee der Ahmadiyya. Ohnehin verbietet es sich, den Bogen allzu weit zu spannen und so zu tun, als sei immer eines aus dem anderen gefolgt. Wir haben keine besondere DNA, wir haben keine bruchlose Geschichte, wir haben uns den Weg zum heutigen Stand unserer Weltläufigkeit und religiösen, und überhaupt Toleranz mühsam gegen anderweitige Interessen und Ideologien auch in den eigenen Köpfen erkämpfen müssen.
Einen anderen Weg gab es nicht und eine andere Zukunft gibt es nicht als die einer kosmopolitischen kulturell und wirtschaftlich weltweit vernetzten Stadt, in der jeder nach seiner Façon nein, ich wähle ein anderes Zitat desselben Friedrich II.: Alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profesiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.
Friedrich II., meine Damen und Herren, von dem wir auch wissen, dass er kein Anhänger friedlicher Konfliktlösungen, sondern des Grundsatzes war, Gott sei immer mit den stärkeren Bataillonen. Kein uneingeschränkt Großer, kein leuchtendes Vorbild, und vom Nationalismus und Rassenwahn folgender Jahrhunderte musste er sich gedanklich nicht absetzen, denn die gab es noch nicht.
Vieles hatte seine Zeit, nicht alles knüpfte logisch aneinander. Unsere Zeit aber ist eine, die uns die einzigartige Chance bietet, weltweit dichter aneinander zu rücken, digital und real, aus Motiven, deren keines zu verachten ist: Gewinnstreben, Wissensdurst und compassion, dem ehrlichen Wunsch, dem Herd des Nachbarn Feuer zu bringen.
Die Formulierung steht in Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit; nicht gerade einer großstädtischen, keiner hanseatischen Tugend, aber nicht alles lässt sich in kurzen Zeiträumen erzwingen. Wer sich hier im Großen Festsaal umschaut, sieht an den Wänden christliche wie auch heidnische Symbolik. Kulturelle Vielfalt; Integration; internationales Zusammenleben von Eingesessenen und Zugewanderten; religiöse Toleranz: Die Zeit war jetzt reif, diese Ziele zum Beispiel in Verträge mit den muslimischen und alevitischen Gemeinden zu gießen, wie vorher mit den christlichen und jüdischen.
Ich habe die ausgehandelten Verträge vorgestellt mit den Worten: Wir tun etwas Selbstverständliches. Darin, dass es von fast allen als selbstverständlich empfunden worden ist, obwohl wir in Hamburg es als erste getan haben, liegt vielleicht der Fortschritt im Miteinander unserer Bürgerinnen und Bürger mit sehr unterschiedlichen Religionen.
Soviel, meine Damen und Herren,
als kurze hanseatische Vorrede zu einem viel größeren, zu einem Thema, das die Welt und Europa, somit auch Deutschland, und nicht ganz zuletzt Hamburg berührt.
Herzlichen Dank.
Es gilt das gesprochene Wort.