SonntagsBlick: Herr Scholz, Ihre Partei ist auf der Suche nach einem Kandidaten für die Kanzlerwahl 2017. Stehen Sie zur Verfügung?
Olaf Scholz: Die SPD hat eine klare Entscheidung getroffen: Wir werden Ende Januar unseren Kandidaten benennen.
SonntagsBlick: Kanzlerin Angela Merkel tritt wieder an. Erhöht das die Chancen der SPD auf die Kanzlerschaft?
Olaf Scholz: Auf jeden Fall hat die SPD gute Chancen, bei der kommenden Wahl erfolgreich zu sein. CDU und CSU haben in der Bevölkerung massiv an Zustimmung verloren und wir haben ein gutes Programm.
SonntagsBlick: In Deutschland reüssiert die AfD, die USA haben Donald Trump gewählt. Muss die Linke populistischer werden um Erfolg zu haben?
Olaf Scholz: Wir sollten nicht das Spielfeld der Populisten betreten. Wir sind erfolgreich, wenn wir denen, die sich jeden Tag anstrengen und Mühe geben, eine sichere und gute Zukunft ermöglichen. Abstrakte Debatten über Populismus bringen nichts, wir müssen über konkrete Themen sprechen: über Bildungspolitik, Haushaltspolitik. Infrastrukturpolitik. So vertrauen uns die Bürgerinnen und Bürger.
SonntagsBlick: Kommen wir zum Zankapfel zwischen der Schweiz und der EU. Denken Sie, dass die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt, also die Zuwanderung in die Schweiz beschränkt werden kann, ohne die Bilateralen Verträge mit der EU zu gefährden?
Olaf Scholz: Der laufende gesetzgeberische Prozess in den beiden Schweizer Parlamentskammern macht den Eindruck, dass man einen gemeinsamen Weg mit der EU beschreiten kann.
SonntagsBlick: Wie würde ein solcher Volksentscheid wohl in Deutschland ausfallen?
Olaf Scholz: Wir haben in unserem Land die Tradition der Volksentscheide nicht. Die kann man nicht von einem Tag auf den anderen verpflanzen. Die Frage ist somit äusserst spekulativ. Ich bin aber überzeugt, dass eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, die Vorteile der Freizügigkeit in Europa sehr schätzt und das Grundrecht auf Asyl für unverzichtbar hält.
SonntagsBlick: Auch angesichts von einer Million Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen?
Olaf Scholz: Natürlich ist damit eine grosse Herausforderung verbunden. Es war auch nicht gut, dass wir für eine gewisse Zeit die Kontrolle über das Geschehen verloren haben. Das darf und wird sich nicht wiederholen. Deutschland hat nun seine Infrastruktur ausgebaut. Wir registrieren jetzt alle Flüchtlinge, fällen die Asylentscheide zügig und können die Integration gemeinsam mit unseren europäischen Partnern bewältigen.
Das Interview führte Simon Marti.