arrow-left arrow-right nav-arrow Login close contrast download easy-language Facebook Instagram Telegram logo-spe-klein Mail Menue Minus Plus print Search Sound target-blank X YouTube
Inhaltsbereich

Detail

13.03.2026

Olaf Scholz im Interview mit der Rheinischen Post

RP: Wie findet ein Bundeskanzler Zeit zum Lesen? 

Scholz: Wenn es gerade passt. Ich habe immer gelesen in den unterschiedlichen Phasen meines Lebens. Es hat auch mal eine Phase gegeben, als stellvertretender Vorsitzender der Jungsozialisten, da habe ich beispielsweise nur Science Fiction gelesen. Ich habe die Bücher im Bahnhofskiosk gekauft für die Zugfahrt Hamburg – Bonn und zurück. Ich bin kein systematischer Leser, der etwas abarbeitet. Ich lese quer durcheinander – je nachdem, was mir begegnet in den Feuilletons oder in den Büchern selbst und was dann als weitere Lektüre naheliegt.

RP: Wie funktioniert Ihr Zeitmanagement?

Scholz: Es gibt keine feste Lesezeit bei mir. Das kann auf Flügen geschehen. Auf langen Fahrten. An Wochenenden und im Urlaub. Es gibt immer irgendwann mal Luft.

RP: Wurden Sie schon mal im Café auf eine Lektüre angesprochen und nicht darauf, dass Sie Olaf Scholz sind? 

Scholz: Nein. Aber vor sehr langer Zeit, als ich noch nicht ganz so bekannt, aber schon als Politiker identifizierbar war, hat mich jemand in der U-Bahn erstaunt darauf angesprochen, dass ich die „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer bei mir hatte: Dass so einer sowas liest!

RP: Als klar war, dass Ihre Kanzlerschaft zu Ende gehen würde – haben Sie insgeheim gedacht: Endlich mehr Zeit zum Lesen? 

Scholz: Nein. 

RP: An Ihrem Stehpult lehnt die legendäre Ledertasche, die Sie seit 40 Jahren begleitet. Es heißt, darin sei neben dem SPD-Parteibuch stets auch ihre aktuelle Lektüre. 

Scholz: Das ist zutreffend. Aber es sind vor allem Akten drin.

RP: Welche Lektüre tragen Sie zurzeit mit sich herum?

Scholz: Im Augenblick habe ich mir Zurückhaltung verordnet, weil ich ja selber schreiben will und mich nicht davon abbringen lassen möchte, meinen ersten Entwurf in einem Durchgang fertigzustellen. Deshalb war es für mich wichtig, dass ich vorher noch mal vieles gelesen habe, was ich unbedingt gelesen haben wollte. Das sind viele Bücher, die sich mit Geschichte beschäftigen. Zuletzt Josephine Quinn, „Der Westen: Eine Erfindung der globalen Welt" – ein Buch, das mich sehr bewegt hat. Ich habe auch die jetzt verfügbare Übersetzung von Paul Gilroys „Schwarzer Atlantik“ gelesen. Und weil ich ein bisschen Zeit hatte, den Wälzer von Sven Beckert über die Geschichte des Kapitalismus.

Könnten Sie sich vorstellen, vor Ihren Schreibeinheiten ein Buch zu lesen, das Sie schätzen, um sich sozusagen einzugrooven für Ihren eigenen Text – stilistisch und intellektuell?

Scholz: Eher nicht. 

RP: Was schreiben Sie genau? Was für ein Buch wird das?

Scholz: Ich möchte gar nicht so viel dazu sagen. Es wird um meine Zeit in der Politik gehen. Der Plan ist, das als Erstes zu tun. Ich habe hoffentlich noch viele Jahre vor mir. Und in denen plane ich, mich immer mal wieder zu Themen zu äußern, die uns alle bewegen. Aber es liegt nahe, dass ich mit den Ereignissen anfange, die 50 Jahre lang mein politisches Engagement begleitet haben.

RP: Haben Sie die Erinnerungen von Angela Merkel gelesen?

Scholz: Noch nicht.

RP: Haben Sie jemals einen Roman von Robert Habeck gelesen?

Scholz: Nein.

RP: Warum nicht? 

Scholz: Vielleicht komme ich ja noch dazu

RP: Gab es während Ihrer Zeit als Bundeskanzler andere Regierungschefs, mit denen Sie über Literatur sprechen konnten? Ich stelle mir vor, dass Emmanuel Macron jemand ist, mit dem das funktioniert.

Scholz: Ich habe auch immer mal mit Politikern über Bücher gesprochen; auch Macron. Und es gibt ein Buch, das wir beide gut finden: „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ von Mohamed Mbougar Sarr.

RP: Wann fanden Sie Gelegenheiten, mit ihm über Bücher zu sprechen? Bei Banketts, wenn Sie nebeneinandersaßen?

Scholz: Genau. Ich finde, man sollte das, was einen selbst umtreibt, nicht allen anderen aufdrängen. Aber wenn man merkt, da ist eine gemeinsame Basis, ist es naheliegend, sich auch über Literatur zu unterhalten.

RP: Der erste Titel, den Sie für die Lit.Cologne ausgewählt haben, ist das sardische Epos „Padre Padrone“ von Gavino Ledda. Das ist ein sehr schönes und trauriges Buch. 

Scholz: Es endet auf erstaunliche Weise damit, dass ein Anfang Zwanzigjähriger sich selbst alphabetisiert und Linguistikprofessor wird. Das dementiert alle Thesen, dass alles für immer gelaufen sei, wenn es nicht schon in den ersten Jahren gut läuft. Um nicht missverstanden zu werden: Ich setze mich für gute Kinderbetreuung, Ganztagsgrundschulen und erstklassige Grundschulen ein, damit von Anfang an die richtigen Weichen gestellt werden. Ich habe mich nie damit abgefunden, dass viele meinen, man sei irgendwann nicht mehr in der Lage, sich so intensiv zu bilden, wie das der Autor dieses Buches real getan hat. Und gleichzeitig ist dieses Buch natürlich eine furchtbar traurige Geschichte, weil ein Kind von der Schule genommen wird, unglaublicher Gewalt seines Vaters ausgesetzt ist und als Hirte arbeiten muss, statt zur Schule zu gehen. Seine spätere Karriere deckt sich zum Beispiel mit den Erfahrungen der heute ganz Alten in unserem Land, die wegen des Krieges oft nur kurze Schulzeiten hatten und trotzdem großartig waren in ihren Berufen.

RP: Das zweite Buch ist Michael Youngs „The Rise of the Meritocracy“.

Scholz: Es wurde 1958 geschrieben, im Jahr meiner Geburt. Aber konzipiert ist es als Rückblick vom Jahr 2034 aus. Es beschreibt eine Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip auf die Spitze getrieben wird. Am Ende führt die Bildungsexpansion zu einem populistischen Aufstand der Aussortierten, die sich nicht mehr damit abfinden, dass auf sie herabgeblickt wird. Der Autor hat nach eigenem Bekunden das Wort Meritokratie erfunden. Sein Buch sei eine Satire und eine Dystopie, sagt er. Aber es bildet ab, was uns tatsächlich passiert. Ich glaube, dass dieses Thema das große Thema unserer Zeit ist. In den 1950er-Jahren haben in Deutschland sechs bis acht Prozent eines Altersjahrgangs Abitur gemacht. Heute ist es meist mehr als die Hälfte – je nach Gegend. Viele studieren, und damit verbunden ist eine merkwürdige Haltung des Herabblickens auf die anderen. Als demokratische Gesellschaft werden wir aber nur dann eine gute Zukunft gewinnen, wenn wir einander als Gleiche begreifen und keinen Unterschied sehen zwischen uns als Klempner oder Lehrerin, als Ärztin oder Müllfahrer.

RP: Der dritte Titel ist „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong.

Scholz: Das Buch handelt davon, dass es auch ein Leben geben kann, ohne dass man aufsteigt. Wir müssen uns vorstellen können, dass es ein Leben ohne  Aufstieg gibt. Die Mutter des Autors ist vietnamesische Migrantin in den USA, und für sie ist das so. Unsere Gesellschaft wird nur funktionieren, wenn das Leben nicht nur dann gut gewesen ist, wenn man eine große Karriere hingelegt hat. Auch ein Leben ohne Karriere muss als geglücktes Leben gelten können.

RP: Ocean Vuong ist ein großer Stilist. Ist Ihnen dieser Aspekt wichtig beim Lesen? Oder geht es vor allem um den Inhalt?

Scholz: Inhaltlich wäre „Der Kaiser der Freude“, der zweite Roman von Ocean Vuong, in dieser Reihe noch passender. Aber mir ist der erste lieber, weil er rauer und besser geschrieben ist.

RP: Sie haben wie Willy Brandt und Helmut Schmidt Schriftsteller ins Kanzleramt eingeladen. Warum?

Scholz: Mir ging es um Austausch. Und um Wertschätzung. Künstler, Schriftsteller und viele andere sind Teil des großen Gesprächs, das wir miteinander führen. Auch das ist ein Ausdruck unserer Freiheit.

RP: Ist Ihnen die politische Ausrichtung eines Autors wichtig? Können Sie das Werk vom Autor trennen?

Scholz: Ich blicke auf 50 Jahre Politik zurück. Da sind mir viele begegnet, die von links nach rechts und von rechts nach links gewandert sind. Bücher und Autoren können sich voneinander entfernen. Es ist möglich, dass ein Buch besser ist als sein Autor.

RP: Ich bin überrascht, dass unter Ihren drei Titeln nicht „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz ist. 

Scholz: Das ist ein tolles Buch, das ich gern und früh in meinem Leben gelesen habe und das ja auch in unmittelbarer Verbindung mit Hamburg steht. Insofern ist das ein Buch, das mich geprägt hat und das ich wirklich intensiv erlebt habe als Leser.

RP: Also ein Lieblingsbuch?

Scholz: Vielleicht. Aber ich habe mich entschieden, nie dem Wunsch nachzugeben, meine Lieblingsbücher zu nennen. Ich bin in einem Alter, wo ich doch schon sehr viele Bücher gelesen habe. Da waren etliche wunderbare dabei. Und ich finde, man täte vielen Unrecht, wenn man sie nicht nennen würde.

RP: Sie nennen keine Lieblingsbücher, um anderen Lieblingsbüchern nicht weh zu tun? 

Scholz: Ja.