Sehr geehrte Frau Bechner,
sehr geehrter Herr Meisler,
sehr geehrte Frau Bauer,
sehr geehrte Frau Professor Gillis-Carlebach,
Sir Reich,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Mitglieder des Konsularischen Korps,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg begrüße ich Sie sehr herzlich zur Einweihung eines Denkmals. Es erinnert an die so genannten Kindertransporte, die vor 75 Jahren 12.500 Kindern und Jugendlichen das Leben retteten um den Preis des Abschieds von ihrer vertrauten Heimat und ihrer engsten Familie.
In den neun Monaten zwischen Ende November 1938 und dem September 1939 gelangten Minderjährige im Alter von vier Monaten bis zu 17 Jahren aus dem Deutschen Reich, und den von ihm bedrohten Ländern, in das sichere Großbritannien: als Pflegekinder, aber auch in Internate oder Flüchtlingslager. Auch Schweden, die Niederlande, die USA, Belgien und weitere Länder waren bereit, Kinder aufzunehmen. Kaum eines von ihnen kannte die fremde Sprache oder Kultur.
Rettung und gleichzeitig Entwurzelung eine unvermeidlich ambivalente Situation, in der wir die besten und die schlimmsten Seiten des 20. Jahrhunderts gleichzeitig vor Augen haben. Eine Zeitzeugin hat ihre Erinnerung so beschrieben: Wir waren Hunderte von Kindern und hundert Prozent alleine.
Der Dammtorbahnhof war einer der Orte, an dem Eltern und Kinder Abschied nahmen, soweit es die schikanösen Regelungen und die überstürzte Abreise überhaupt erlaubten.
Dass sie im Sinne der Nürnberger Gesetze als jüdisch angesehen wurden, erfuhren manche von ihnen erst in dieser Notsituation. Andere litten bereits seit Jahren unter der Ausgrenzung im Alltag, etwa unter Feindseligkeiten von Lehrern und Mitschülern. Spätestens seit dem Novemberpogrom 1938 wusste oder ahnte man auch im Ausland, dass der antisemitischen Ideologie und Praxis des NS-Staates letztendlich alle, auf die sie zielte, schutzlos ausgeliefert waren. Unter diesem Eindruck lockerte die britische Regierung ihre Einreisebestimmungen und erklärte sich zur Aufnahme von 10.000 Kindern bereit. Schon wenige Wochen später brachte der erste Transport 196 Waisen aus einem Berliner Heim in den englischen Hafen Harwich.
Doch schon im folgenden Jahr setzte spätestens der Kriegsbeginn der Auswanderung in die meisten Länder ein Ende; auch ein bereits vorbereiteter Kindertransport kam nach dem deutschen Überfall auf Polen nicht mehr zustande. 1941 wurde die Auswanderung generell verboten, und die Zeit der Deportationen begann. Für die emigrierten Kinder bedeutete das meist den endgültigen Verlust von Eltern, Geschwistern und Verwandten, in deren Leidensweg sie nicht eingreifen konnten.
Auch unter den Kindern der Transporte entgingen viele nicht dauerhaft dem Tod in der NS-Vernichtungsmaschinerie, wenn sie auf dem europäischen Festland untergekommen waren und die Barbarei sie wieder einholte.
Dass überhaupt so viele Leben gerettet werden konnten, ist dem raschen und beherzten Handeln vieler Einzelner zu danken, die im entscheidenden Moment das Richtige taten Nicholas Winton in England und Truus Wijsmuller-Meyer in den Niederlanden sind nur die bekanntesten unter vielen Helfern, die Unglaubliches in Bewegung setzten und zum Gelingen der Aktion beitrugen.
Meine Damen und Herren,
private Initiative hat auch dieses Mahnmal auf den Weg gebracht. Es wurde vollständig aus privaten Mitteln finanziert. Das ist vor allem Ihrem Engagement als Projektleiterin, Frau Bechner, zu danken, und doch stehen Sie stellvertretend für alle Beteiligten und Sponsoren, deren Hilfe ich im Namen unserer Stadt ausdrücklich würdigen möchte nicht zuletzt die Schülerinnen und Schüler der Josef-Carlebach-Schule Hamburg, die das verhüllende Tuch gestaltet haben.
Dieses Geschenk wird sich als Denk- und Mahnmal in Hamburgs Erinnerungskultur einfügen. Ähnliche Denkmale markieren in der Londoner Liverpool Street Station, am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, am Danziger Hauptbahnhof und in Hoek van Holland die Routen der Kinder auf ihrem Fluchtweg über Land und Meer.
Sie, Herr Meisler, haben diese Skulpturengruppen geschaffen. Sie sind selbst ein Kind gewesen, das von Danzig nach London entkommen konnte. Bereits drei Tage nach der Trennung wurden Ihre Eltern verhaftet. Sie verloren in den folgenden Jahren ihre gesamte auf dem Kontinent verbliebene Familie. In ihrem Werk als international renommierter Bildhauer geht es um the opening and closing of the doors of life, wie es die Sprache Ihres Aufnahmelandes so bildhaft beschreibt. Seit langem ist es Ihr bedeutendes Anliegen, persönliches Erleben mit den Mitteln Ihrer Kunst in ganz Europa sichtbar zu machen.
Hier am Dammtor steht der bittere Moment des Abschieds von den anderen, denen nicht oder noch nicht die Ausreise glückte, im Mittelpunkt. Gegenstück ist die Gedenkstätte am Hannoverschen Bahnhof, wo die Eltern und Angehörigen der Kinder zusammen mit unzähligen anderen Menschen jeden Alters ins Leid und in den Tod geschickt wurden.
Auch wenn ihr blankes Leben gerettet wurde, nahmen die Überlebenden der Kindertransporte oft großen Schaden an ihrer Seele und ihrem Leben. Bis heute leiden sehr viele von ihnen unter den Folgen ihrer traumatischen Erlebnisse. Es ist ihnen nicht leicht gefallen, sich einen Platz im Leben zu erkämpfen. Eine sehr ergreifende Aussage ist für mich diese: Heute weiß ich, dass meine Mutter mich gerettet hat. Zweifellos hat sie mich sehr geliebt. Und trotzdem konnte ich nie wirklich zu ihr zurückkehren. Das werde ich immer mit mir herumtragen bis ans Ende meines Lebens.
Die Wichtigkeit der so genannten Oral History, des unmittelbaren lebensgeschichtlichen Zeugnisses wird hier ganz deutlich. Dass Sie, Frau Bauer, und Sie, Frau Gillis-Carlebach, so viel Leidenschaft dabei beweisen, Ihr Wissen und Ihre persönliche Geschichte mit den Menschen in Ihrer Heimatstadt zu teilen, erfüllt uns alle mit größtem Respekt und tiefer Dankbarkeit.
Vielen Dank.
Es gilt das gesprochene Wort.