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29.11.2025

Der Westen, eine große Idee

Olaf Scholz, geboren 1958 in Osnabrück, war von Dezember 2021 bis Mai 2025 deutscher Bundeskanzler und sitzt heute für die SPD im Bundestag.

Heinrich August Winkler hat seine Erinnerungen aufgeschrieben. Warum es so gekommen ist nennt er sie und bringt damit auf den Punkt, weshalb er Historiker wurde: Er wollte Geschichte "in praktischer Forschungsabsicht" verhandeln und so zur politischen Aufklärung beitragen.

Vorab: Winkler schreibt einfach gut, das beweist er mit diesem Buch genauso wie schon mit seinen vielen früheren Veröffentlichungen. Wir erfahren von der Jugend des 1938 in Königsberg Geborenen, von seinen Eltern und Verwandten, dem im württembergischen Urspring erlebten Kriegsende, religiösen und familiären Prägungen, dem Beginn seines politischen Engagements in der CDU, dem Austritt wegen der Schmähungen der CDU gegen Willy Brandt, dem Eintritt in die SPD bereits 1962. Daran schließt sich ein langes wissenschaftliches Leben an – mit zahlreichen Begegnungen, an denen wir Leserinnen und Leser teilnehmen können.

Als Historiker hat Winkler bedeutende Werke veröffentlicht. Die Geschichte der Weimarer Republik und ihrer Arbeiterbewegung gehörte zu seinen großen Themen. Vor allem aber hat er sich bleibende Verdienste durch seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der Geschichte und Idee des Westens erworben. Besonders eindringlich zeichnete er Deutschlands "langen Weg nach Westen" nach. Diesem Thema ist Winkler in vielen weiteren Veröffentlichungen treu geblieben. Über eines seiner Bücher hierzu, Werte und Mächte. Die Geschichte der westlichen Welt, durfte ich vor sechs Jahren mit ihm in "Clärchens Ballhaus" in Berlin diskutieren – ein lehrreicher Abend, der mir gut in Erinnerung geblieben ist.

Winklers große Leistung ist, dass er "den Westen" als Idee und normatives Projekt begreiflich gemacht hat. Immer ging es ihm auch darum, die Gemeinsamkeiten des westlichen Europas und der Vereinigten Staaten herauszuarbeiten. Das ist heute umso aktueller, da wir nicht mehr sicher sein können, ob diese Traditionen in den USA ungebrochen Bestand haben werden.

Tatsächlich ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem globalen Siegeszug des Kapitalismus gerade das normative, demokratisch-rechtsstaatliche Projekt des Westens zu dessen entscheidendem Merkmal geworden. Als "capitalism alone" hat der Ökonom Branko Milanović die heutige Welt beschrieben, in der wohl nur noch Nordkorea keine irgendwie marktwirtschaftliche Ordnung besitzt. Die übrige Welt unterscheidet sich in ihren Spielarten des Kapitalismus – und eben darin, ob Staaten autoritär regiert werden oder demokratisch. Nicht der Kapitalismus habe sich als exklusivste westliche Errungenschaft erwiesen, schreibt Winkler, sondern das auf individuellen Rechten und Freiheiten beruhende liberale System.

Seine normative Deutung des Westens überzeugt besonders, weil sie auch dessen Widersprüche immer mit im Blick hat. Als sich in Europa und Nordamerika Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaat durchzusetzen begannen, gab es dort zeitgleich eben auch noch Sklaverei und Imperialismus. Und wer erinnert sich heute, dass selbst noch zur Zeit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1957 drei der sechs ersten EWG-Mitglieder Kolonialmächte waren?

Keine Illusionen über die Haltung des heutigen Russlands

Wie richtig Winkler mit seiner normativen Herangehensweise liegt, zeigt sich übrigens auch daran, dass Russlands Präsident Putin als Gegner seiner Politik ausdrücklich den "globalen Westen" beschreibt. Offene Gesellschaften sind ihm nicht nur suspekt – er empfindet sie sogar als Bedrohung.

Heinrich August Winkler hat sich immer eingemischt, auch in die politischen Debatten unseres Landes. In diesem Buch zeichnet er seine Interventionen nach. Beeindruckend ist, dass er dabei auch beschreibt, wo und warum er seine Meinung später geändert hat. Er erweist sich damit nicht nur als streitbarer Debattierer, sondern auch als vorbildlicher Demokrat. Demokratie kann nicht funktionieren, wenn wir es für ausgeschlossen halten, dass auch die anderen recht haben könnten. Umgekehrt hilft es der Demokratie, wenn wir alle offen dafür sind, unsere eigenen Positionen zu überdenken. Schon dieser Hinweise wegen lohnt sich das Buch.

Die Ostpolitik Willy Brandts und Helmut Schmidts fand Winklers Unterstützung. Kritischer ist er im Hinblick auf die "zweite Phase" der sozialdemokratischen Ostpolitik, der er metternichsche Motive unterstellt. Das ist wohl etwas überpointiert, aber ohne Frage auch nicht ganz abwegig. Winklers Freundschaften mit vielen polnischen Oppositionellen, etwa Bronisław Geremek, in der Zeit der kommunistischen Herrschaft können wir bewegt verfolgen. Sie sind sicherlich auch den deutsch-polnischen Beziehungen nach der demokratischen Umwälzung zugutegekommen.

Im legendären "Historikerstreit" wiederum bezog Winkler gemeinsam mit Jürgen Habermas Position: Der singuläre Charakter der Schoah, des deutschen Menschheitsverbrechens der Vernichtung der europäischen Juden, dürfe nicht relativiert werden. Als 1998 der Kosovo-Krieg ausbrach, unterstützte Winkler den Einsatz der Bundeswehr, um dort eine humanitäre Katastrophe abzuwenden. Er kritisiert, dass Befürworter und Gegner des Einsatzes das "Nie wieder" nach Zweitem Weltkrieg und faschistischem Völkermord als Argument nutzten, statt sich für ihre Argumentation auf die damals aktuelle Lage zu konzentrieren. Eindeutig stellte er sich auch hinter die deutsche Entscheidung gegen die Beteiligung am Irakkrieg des amerikanischen Präsidenten Bush. Sehr genau erläutert er, warum die Idee scheitern musste, die amerikanischen Truppen dort könnten – wie nach 1945 in Japan und Deutschland – als Aufbauhelfer der Demokratie wirken.

Keinerlei Illusionen macht sich Winkler über die Haltung des heutigen Russlands und seines Präsidenten. Putin will erklärtermaßen die Ukraine und Belarus seinem Reich einverleiben. Deshalb hat er den Krieg gegen die Ukraine begonnen. Und übrigens nicht, wie vielfach falsch behauptet wird, weil er eine baldige Nato-Mitgliedschaft der Ukraine fürchtete. Das gaben, wie man auch diesem Buch entnehmen kann, die Beschlüsse der Nato gar nicht her.

Russlands Krieg gegen die Ukraine ist ein Bruch mit allen Verständigungen darüber, dass Grenzen nicht mit Gewalt verschoben werden dürfen. Dieses Prinzip ist immer wieder verankert worden, nicht nur in der Charta der Vereinten Nationen, sondern auch in den Dokumenten von KSZE und OSZE sowie in der Nato-Russland-Grundakte. Vergessen wir nicht, dass die Ostpolitik auch zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze führte, die mit der erneuten Einheit Deutschlands endgültig die östliche Grenze Deutschlands ist. Deshalb ist es richtig, dass Deutschland zum größten Unterstützer der Ukraine in Europa geworden ist. Deutschland liefert die meisten Waffen und stellt unter allen Europäern die größte finanzielle Hilfe zur Verfügung.

Europa ist immer wieder Winklers Thema

Keine Frage, Winkler hätte sich noch mehr Engagement gewünscht. Aber die deutsche Reaktion auf die "Zeitenwende", die Russlands Krieg gegen die Ukraine bedeutet, ist beispiellos und weitreichend. Nicht nur im Hinblick auf unsere Waffenlieferungen an die Ukraine, sondern auch, was unsere steigenden Verteidigungsanstrengungen angeht. Deutschland wird wieder so viel seiner Wirtschaftsleistung für Verteidigung aufwenden wie zu Zeiten der Kanzler Brandt und Schmidt in den Achtzigerjahren. Zugleich ging und geht es darum, dass der Krieg zwischen Russland und der Ukraine nicht zu einem Krieg zwischen Russland und der Nato eskaliert – eine fortdauernde große Herausforderung, die Entschlossenheit und Besonnenheit zugleich erfordert.

Immer wieder ist Europa Winklers Thema. In der multipolaren Welt der kommenden Jahrzehnte wird die Europäische Union noch wichtiger. Wenn sie zu den normativen Werten des Westens steht, die ihren Wesenskern ausmachen, hat sie eine Zukunft. Die Union muss deshalb die Anfechtungen der Protagonisten einer illiberalen Demokratie zurückweisen. Sie muss auch entscheidungsfähiger werden durch qualifizierte Mehrheitsentscheidungen im Rat; in der Außenpolitik und in Steuerfragen zum Beispiel. Das geht sogar – einmal einen einheitlichen Willen vorausgesetzt – ohne Vertragsänderungen. Winkler betont die Bedeutung des Europäischen Rates, der nicht durch das Parlament ersetzt werden könne, da bei den Wahlen zum Parlament die Stimmen der Bürger ein ungleiches Gewicht hätten. Mehr Europa dürfe nicht weniger Demokratie bedeuten.

Mit einheitlicher Stimme zu sprechen, wird für Europa immer bedeutsamer angesichts des unvorhersehbaren Kurses der amerikanischen Politik, aber auch aufgrund der wachsenden Bedeutung des Globalen Südens. Denn das relative Gewicht Europas und Nordamerikas in der Welt schrumpft. Diese Veränderung so zu gestalten, dass die Welt insgesamt ein besserer Ort wird und die Demokratie nicht in die Defensive gerät – das ist die Aufgabe dieses Jahrhunderts.

Ich empfehle die Erinnerungen dieses bedeutenden deutschen Historikers. Denen, die schon Bücher und Interventionen von ihm gelesen haben, der besseren Einordnung wegen. Denen, die sich einen Überblick über Winklers Lebenswerk verschaffen wollen, um dann gezielt andere Texte des Autors zu lesen. Und auch denen, die anhand dieses Lebens unsere Zeitgeschichte besser verstehen wollen. Immer wieder, wenn Winkler auf eigene Veröffentlichungen verweist, möchte man diese sofort nach- oder wiederlesen. Mir ist es so gegangen. Doch prüfen Sie selbst!

Und, ach ja, weil es so schön ist, als Mahnung – sagen wir, an alle Politiker – zitiert Winkler Hegel: "Die Wahrheit der Absicht ist nur die Tat."