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24.08.2003

Fortschritt durch Bildung - Beitrag im Stern

Fortschritt durch Bildung

SPD-Generalsekretär Olaf Scholz antwortet seinen Kritikern: So sieht mein Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit in Deutschland aus

Aufstieg durch Bildung unter diesem Motto rissen die Sozialdemokraten die SPD in den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die öffentliche Meinungsführerschaft an sich. Bildungspolitik wurde zum Markenzeichen der SPD. Damals machte sich die bundesdeutsche Gesellschaft auf den Weg in eine Zukunft, die Fortschritt für alle bringen sollte. Zu Millionen gelang den Kindern kleiner Leute in der Ära Willy Brandt und Helmut Schmidt der Ausbruch aus bildungsarmen Verhältnissen. Fortschritt war möglich! Der Sohn des Bergarbeiters konnte es zum Diplomingenieur bringen, die Landwirtstochter zur Psychologin. Und die Bildungsleitern, auf denen sie nach oben stiegen, hatten Sozialdemokraten aufgestellt.

Und heute? In diesen Wochen macht sich die SPD daran, ihre Ziele und Grundwerte neu zu bestimmen. Welche überwölbende Leitidee für unsere Gesellschaft hat die SPD? Welche Hoffnungen für ihr persönliches Leben können Menschen in Deutschland zuversichtlich mit dem Begriff der sozialen Demokratie verbinden? Wie lässt sich der beschleunigte Wandel so gestalten, dass er für Menschen Fortschritt bedeutet? Diese Fragen muss die SPD plausibel beantworten.

In ihrer Geschichte war die Sozialdemokratie immer dann am überzeugendsten, wenn sie sich als solidarische Emanzipationsbewegung begriff, die glaubwürdig mehr Lebenschancen und mehr Teilhabe für mehr Menschen in einer gerechteren Gesellschaft in Aussicht stellte. Aber lässt sich dieses Versprechen im 21. Jahrhundert überhaupt plausibel erneuern? Oder ist die Uhr der Gerechtigkeit und des sozialen Fortschritts abgelaufen?

In der Ära Kohl wurde diese Uhr zum Stillstand gebracht, ja zurückgedreht. Seit 1998 haben wir sie unter schwierigen Bedingungen wieder instand gesetzt. Der sichernde und schützende Sozialstaat existiert, und natürlich werden Sozialdemokraten darum kämpfen, dass es dabei bleibt. Doch wenn die Uhr des gerechten Fortschritts auch in Zukunft laufen soll, müssen wir sie heute neu justieren. Genau deshalb gehört das Leitbild vom Fortschritt durch Bildung aufs Neue ins Zentrum unserer Anstrengungen aus Gründen der Gerechtigkeit und zugleich aus Gründen der Effizienz unserer Gesellschaft, die erst erwirtschaften muss, was verteilt werden soll. Was in den sechziger Jahren das Leitmotiv der SPD war, gilt heute erst recht: Ohne Bildung keine Gerechtigkeit und ohne Gerechtigkeit kein Fortschritt.

Das wirklich Überraschende an den neuen Formen des Kapitalismus ist die Art, wie er Ungleichheit erzeugt, schreibt der Soziologe Richard Sennett. Er hat Recht. Wer heute nicht bereits in früher Kindheit das Lernen lernt, wer wenig weiß und wenig kann, wird immer weniger Chancen auf einen ausreichend bezahlten und sicheren Arbeitsplatz besitzen. Auch wer heute als Arbeiter tätig sein will, etwa bei Airbus oder BASF, braucht dafür weitaus umfangreichere Kenntnisse als zu früher. Wo sie fehlen, droht der Ausschluss aus dem Kernbereich gesellschaftlicher Teilhabe.

Dagegen hilft nur die Wiederentdeckung der Bildung. Wenn gerecht ist, was Menschen zu echten Lebenschancen verhilft, dann ist heute nichts so gerecht wie die Ausweitung von Bildungschancen und Bildungszugängen über alle Lebensphasen. Wir müssen uns fragen, in welchem Zustand sich die Bildungsleitern befinden, auf denen viele jener Kinder kleiner Leute einst den Aufstieg schafften: Sind sie nicht ziemlich morsch geworden? Sind nicht allzu oft die untersten Sprossen herausgebrochen? Scheitern deshalb nicht viele heute bereits am Einstieg in den Aufstieg? Und haben nicht auch die nach oben Gekletterten zugelassen, dass einige dieser Leitern hinter ihnen wieder eingezogen wurden?

Die soziale Aufwärtsdynamik der sechziger und siebziger Jahre ist inzwischen fast völlig zum Stillstand gekommen. Wenn es von 100 Kindern aus der Oberschicht 72 bis an die Universität schaffen, aber nur acht aus der Unterschicht, dann hat unsere Gesellschaft ein dramatisches Gerechtigkeitsproblem. Dass es gleichzeitig gerechter und ökonomisch erfolgreicher geht, beweisen auf nüchtern-visionäre Weise unsere skandinavischen Nachbarländer: Hervorragendes Bildungswesen, flächendeckende und hochwertige Betreuungseinrichtungen für Kinder sowie dadurch ermöglicht die hohe Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben tragen hier dazu bei, dass die Arbeitslosigkeit niedrig bleibt und das Risiko von Bildungsarmut und sozialem Ausschluss gering. Nebenbei verzeichnen die Gesellschaften des Nordens hohe Geburtenraten so entsteht lebbare Zukunft.

Bildung, Arbeit, Familie, Lebenschancen, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität all das bedingt einander heute. An der Wirklichkeit scheitern wird, wer versucht, diese Kategorien gegeneinander in Stellung zu bringen. Nicht das Beharren auf historischen Begriffen wird den Erfolg der SPD im 21. Jahrhundert sicherstellen. Was Menschen heute dringend erwarten und brauchen, sind tatsächliche Lebenschancen und echte Chancengleichheit in einer solidarischen Gesellschaft.

Der Erfolg der SPD in den sechziger und siebziger Jahren stand im engen Zusammenhang mit dem sozialen Aufstieg einer ganzen Generation. Die Zukunft schien offen und sie war es auch. Das darf heute und in Zukunft nicht anders sein. Deshalb müssen wir das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung im 21. Jahrhundert erneuern. Es ist das Versprechen der sozialen Demokratie.