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17.10.2003

Fortschritt durch Bildung

Fortschritt durch Bildung


Was in den sechziger Jahren richtig war, gilt heute erst recht: Ohne Boldung keine Gerechtigkeit und ohne Gerechtigkeit kein Fortschritt 

von Olaf Scholz


Aufstieg durch Bildung unter diesem dynamischen Fortschrittsmotto rissen die Sozialdemokraten in den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die öffentliche Meinungsführerschaft an sich. Bildungspolitik wurde zum Markenzeichen schlechthin der sozialreformerischen SPD jenes Jahrzehnts mit enormem Erfolg für die Partei selbst, aber auch für die Bundesrepublik insgesamt. Damals machte sich eine in der Ära Adenauer betulich gewordene Gesellschaft entschlossen auf den Weg in eine bessere und gerechtere Zukunft, die Fortschritt für alle bringen sollte. Sozialer Aufstieg durch Bildung wurde zur handfesten Erfahrung einer ganzen Gesellschaft.

Plötzlich waren Lebenswege nicht mehr durch soziale Herkunft festgelegt. Zu Millionen gelang den Kindern kleiner Leute in der Ära von Willy Brandt und Helmut Schmidt der Ausbruch aus bildungsarmen Verhältnissen. Die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft wuchs dramatisch; wer von unten kam, musste nicht mehr zwangsläufig unten bleiben. Fortschritt war möglich! Der Sohn des Bergarbeiters konnte es nun zum Diplomingenieur bringen, die Landwirtstochter zur Psychologin. Und die Bildungsleitern, auf denen sie nach oben stiegen, hatten Sozialdemokraten aufgestellt. Es war die enge Verzahnung zwischen dem erfolgreicher Leben vieler Menschen und sozialdemokratischer Politik, der den bis heute bestehenden Lebensbund einer ganzen Generation mit der SPD begründete.

Und heute? In diesen Wochen macht sich die SPD daran, ihre Ziele und Grundwerte neu zu bestimmen, weil sich die Bedingungen verändert haben. Welche überwölbende Leitidee für unsere Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten hat die SPD? Welche neuen oder alten Hoffnungen für ihr persönliches Leben können Menschen in Deutschland zuversichtlich mit dem Begriff der sozialen Demokratie verbinden? Wie lässt sich der beschleunigte Wandel so gestalten, dass er für Menschen Fortschritt bedeutet? Diese Fragen muss die SPD plausibel beantworten.

Zeit ihrer 140-jährigen Geschichte war die Sozialdemokratie immer dann am überzeugendsten, wenn sie sich als solidarische Emanzipationsbewegung begriff, die glaubwürdig mehr Lebenschancen und mehr Teilhabe für mehr Menschen in einer gerechteren Gesellschaft in Aussicht stellte. Aber lässt sich dieses Versprechen der sozialen Demokratie im 21. Jahrhundert überhaupt plausibel erneuern? Oder ist die Uhr der Gerechtigkeit und des sozialen Fortschritts abgelaufen?

In den bleiernen Jahren der Ära Kohl wurde diese Uhr zum Stillstand gebracht, ja zurückgedreht. Seit 1998 haben wir sie unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wieder aufgezogen und zum Ticken gebracht. Der sichernde und schützende Sozialstaat existiert im historischen und internationalen Vergleich in nahezu beispielloser Weise, und natürlich werden Sozialdemokraten darum kämpfen, dass es auch dabei bleibt. Doch wenn die Uhr des gerechten Fortschritts auch in Zukunft laufen soll, müssen wir sie heute neu justieren. Das noch so gut gemeinte Bekenntnis zur sozialen Gerechtigkeit wird dort wirkungslos, wo man sich über die Voraussetzungen dafür täuscht, wie diese heute geschaffen werden kann.

Genau deshalb gehört das Leitbild vom Aufstieg durch Bildung aufs Neue ins Zentrum unserer Anstrengungen aus Gründen der Gerechtigkeit und zugleich aus Gründen der ökonomischen Effizienz und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, die erst erwirtschaften muss, was zur Verteilung kommen soll. Was in den sechziger Jahren zu Recht das Leitmotiv sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik war, das gilt heute angesichts von wissensintensiver Wirtschaft und rapidem demografischem Umbruch noch viel mehr: Ohne Bildung keine Gerechtigkeit und ohne Gerechtigkeit kein Fortschritt.

Das wirklich Überraschende an den neuen Formen des Kapitalismus ist die Art, wie er ... Ungleichheit erzeugt, schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett. Er hat Recht. Wer heute nicht bereits in früher Kindheit die Chance hat, das Lernen zu lernen, wer wenig weiß und wenig kann, wird in Zukunft immer weniger Chancen auf einen ausreichend bezahlten und sicheren Arbeitsplatz besitzen. Auch wer heute als Arbeiter tätig ist, etwa bei Airbus, BASF oder im mittelständischen Maschinenbau, braucht dafür weitaus umfangreichere Kenntnisse als zu früheren Zeiten. Wo diese fehlen, droht der dauerhafte Ausschluss aus dem Kernbereich gesellschaftlicher Teilhabe.

Dagegen hilft nur die Wiederentdeckung der Bildung als Schlüsselfrage sozialdemokratischer Gerechtigkeitspolitik. Wenn gerecht ist, was Menschen zu echten Lebenschancen verhilft, dann wird in Zukunft nichts so gerecht sein wie die entschlossene Ausweitung von Bildungschancen und Bildungszugängen über alle Lebensphasen und auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Heute müssen wir uns fragen, in welchem Zustand sich die Bildungsleitern befinden, auf denen viele jener Kinder kleiner Leute vor Jahrzehnten den sozialen Aufstieg geschafft haben: Sind sie nicht ziemlich morsch geworden? Sind nicht allzu oft die untersten Sprossen herausgebrochen? Scheitern deshalb nicht viele heute bereits am Einstieg in den Aufstieg? Und haben nicht auch die erfolgreich nach oben Gekletterten zugelassen, dass einige dieser Leitern hinter ihnen wieder eingezogen wurden?

Nicht allein die mit dem PISA-Test ans Licht gekommenen Mängel des deutschen Bildungssystems im internationalen Vergleich sind heute unser Problem. Schlimmer noch ist, dass die soziale Aufwärtsdynamik der sechziger und siebziger Jahre inzwischen fast völlig zum Stillstand gekommen ist. Kaum irgendwo sonst in der westlichen Welt hängen Bildung, Berufs- und Lebensperspektiven der Menschen heute so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Wenn es von 100 Kindern aus der Oberschicht 72 bis an die Universität schaffen, aber nur acht aus der Unterschicht, dann hat unsere Gesellschaft ein dramatisches Gerechtigkeitsproblem.

Dass es gleichzeitig gerechter und ökonomisch erfolgreicher geht, beweisen auf nüchtern-visionäre Weise unsere skandinavischen Nachbarländer: Hervorragendes Bildungswesen, flächendeckende und hochwertige Betreuungseinrichtungen für Kinder sowie dadurch ermöglicht die hohe Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben tragen hier dazu bei, dass die Arbeitslosigkeit gering bleibt und das Risiko von Bildungsarmut und sozialem Ausschluss gering. Nebenbei verzeichnen die skandinavischen Gesellschaften hohe Geburtenraten und wirtschaftliche Dynamik so entsteht lebbare Zukunft. Das bedrückende Phänomen der Vererbung sozialer Nachteile von einer Generation zur nächsten ist in Skandinavien weitgehend ausgestorben.

Bildung, Arbeit, Familie, Lebenschancen, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität all das bedingt einander heute auf komplexe Weise gegenseitig. An der Wirklichkeit scheitern wird deshalb, wer versucht, diese Kategorien gegeneinander in Stellung zu bringen. Nicht das Beharren auf historischen Begriffen wird den Erfolg sozialdemokratischer Gerechtigkeitspolitik im 21. Jahrhundert sicherstellen. Nicht um abstrakte Debatten über mehr Staat oder weniger Staat geht es, auch nicht vor allem um Niveau oder Bezugsdauer von Sozialtransfers. Was Menschen heute dringend erwarten und brauchen, sind tatsächliche Lebenschancen und echte Chancengleichheit in einer solidarischen Gesellschaft.

Der Erfolg der SPD in den sechziger und siebziger Jahren stand im engen Zusammenhang mit dem kollektiven sozialen Aufstieg einer ganzen Generation. Die Zukunft schien offen und sie war es auch. Das darf heute und in Zukunft nicht anders sein. Deshalb müssen wir das Versprechen des Fortschritts durch Bildung im 21. Jahrhundert erneuern. Es ist das Versprechen der sozialen Demokratie.