arrow-leftarrow-rightclosecontrastdownloadeasy-languagefacebookinstagramtelegramlogo-spe-kleinmailmenueMinusPlusprintsearchsoundtarget-blankTwitteryoutube
Inhaltsbereich

Olaf Scholz Rede in Bochum

Scholz: „Ein Aufbruch ist möglich für unser Land“

Hallo Bochum, liebe Freundinnen und Freunde!

Es ist schön, uns alle hier versammelt zu sehen. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass es aufwärts geht. Wir haben die Corona-Krise jetzt sehr, sehr lange Zeit miteinander durchgemacht. Wir haben gemeinsam gekämpft um die Gesundheit vieler Bürgerinnen und Bürger. Wir haben dafür gekämpft, dass es klappt, dass Arbeitsplätze, Unternehmen durch diese Krise kommen und dass man auch wieder nach vorne gehen kann, dass ein Aufschwung kommt und dass es Arbeitsplätze auch in der Zukunft gibt, weil wir zusammengehalten haben.

Aber wir haben jetzt auch eine Situation, die besser geworden ist. 53 Millionen Deutsche sind geimpft. Wir haben eine Perspektive, dass der Herbst und der Winter anders werden als vor einem Jahr. Das ist ein Zeichen des Aufbruchs, dass wir es gut hinkriegen können in den nächsten Jahren, wenn wir zusammenhalten und die Dinge, die gemeinsam getan werden müssen, auch gemeinsam anpacken. Deshalb sage ich: Das muss auch das Prinzip für die Zukunft unseres Landes sein.

Wo wir diese besseren Zeiten spüren, die Möglichkeit, dass es sich in die richtige Richtung nach vorne in die Zukunft entwickelt und eine gute Zukunft möglich ist. Da muss man aber auch sagen: Der Aufwand war sehr groß. Wir haben 400 Mrd. Euro ausgegeben, am Ende des (O-Ton: nächsten?) Jahres zusätzliche Schulden gemacht, um in dieser Krise das Richtige zu tun für den Zusammenhalt, für die Gesundheit und für Arbeitsplätze in diesem Land.

Aber deshalb ist es etwas ganz, ganz Merkwürdiges, wenn jetzt in dieser Lage, nachdem wir das gemacht haben, nachdem wir auf diese Art und Weise zusammengehalten haben, dass einige der Meinung sind, Leute, die so viel verdienen wie ich oder noch viel mehr, die bräuchten jetzt mal ordentlich eine Steuerentlastung. Das ist nicht nur unfinanzierbar. Das ist unsolidarisch und unmoralisch, liebe Freundinnen und Freunde.

Deshalb muss das, was uns durch diese Krise getragen hat, was uns an diesen Punkt gebracht hat, wo wir hoffen dürfen, dass es jeden Tag besser wird und dass wir eine gute Zeit vor uns haben – mit noch vielen Schwierigkeiten, wo wir vorsichtig bleiben müssen, wo wir noch die Nachbarn, die Freunde, den Stammtisch, die Kolleginnen und Kollegen überreden müssen, dass sie sich auch impfen lassen. In dieser Zeit ist es richtig, dass wir sagen: Wir haben ein Gefühl dafür, dass es besser werden kann, weil wir zusammengehalten haben.

Für mich heißt das, das muss auch ein Prinzip in vielen, vielen anderen Lebenslagen sein. Deshalb ganz klar: Die Katastrophe, die Deutschland in den letzten Tagen erlebt hat, das Hochwasser, das unglaublich viele Menschenleben gekostet, das viele ihre Liebsten hat verlieren lassen, das Hochwasser, das Häuser zerstört hat, Betriebe, Infrastrukturen, Städte und Dörfer, Marktplätze – ich habe mir das angeguckt in Rheinland-Pfalz, hier in Nordrhein Westfalen, in Bayern -, ist etwas, das uns gezeigt hat, wie groß die Gewalt der Natur ist, wie wichtig es ist, dass wir nicht einfach immer so weitermachen, sondern uns besser aufstellen, damit solche Ereignisse nicht viel häufiger von uns zu beklagen sind.

Aber es ist für uns auch wieder ein Zeichen für die Kraft der Solidarität und ihre Notwendigkeit. Denn niemand allein kann das in seinem Dorf und seiner Stadt, in seinem Landkreis, in seinem Land stemmen. Auch ein so großes Land wie NRW nicht. Da müssen wir in Deutschland zusammenhalten. Das ist eine nationale Aufgabe. Deshalb wiederhole ich, was ich gesagt habe:

Wir können das Leid nicht ungeschehen machen. Wir können diejenigen, die gestorben sind, nicht wieder zum Leben rufen. Aber was wir können, ist dafür zu sorgen, dass das, was kaputtgegangen ist, wieder aufgebaut wird. Und wir werden das Geld einsetzen, das dazu notwendig ist, liebe Freundinnen und Freunde.

Zusammenhalt und Solidarität ist auch das, was wir brauchen, wenn wir an die Zukunft denken, an die 20er Jahre, die jetzt beginnen, an das ganze Jahrzehnt, an die Frage, wie geht es weiter mit uns, mit unserem Land in zehn, 20, 30 Jahren? Werden wir dann noch gute Arbeitsplätze haben? Wie wird es mir gehen, den Leuten, die ich mag, denen ich nahestehe, die so sind wie ich, und anderen? Wie können wir das hinkriegen, dass die 20er Jahre eine gute Zeit werden?

Es ist möglich! Das ist die Botschaft, die von hier aus heute ausgehen soll. Wir können die Zukunft gestalten. Wir müssen uns vor ihr nicht fürchten. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben dafür einen guten Plan.

Durchwursteln hilft nicht. Durchlavieren auch nicht. Die Probleme nicht ansprechen, die real da sind, hilft auch nicht. Eigentlich wissen doch alle Bürgerinnen und Bürger besser Bescheid über das, was sie von dem einen Politiker und der anderen manchmal so hören. Es sind große Herausforderungen, die vor uns stehen. Wir müssen dafür Lösungen anbieten. Aber es machen sich viele Sorgen.

Was ist mit dem Zusammenwachsen der Welt, der Globalisierung? Was folgt daraus, dass die eigentlich ja gute Sache passiert, dass Milliarden Menschen so leben wie wir, die Chance haben, Wohlstand zu bekommen, der ihnen vor ein paar Jahrzehnten unerreichbar schien? Was folgt daraus, dass der technologische Wandel immer weiter zunimmt, dass er große Veränderungen mit sich bringt? Und was folgt aus dem menschengemachten Klimawandel? Wie können wir ihn aufhalten? Haben wir eine gute Zukunft auf diesem Planeten? – Alles große Herausforderungen!

Aber unsere Aussage, meine Aussage, das, was wir wollen, ist, uns davor nicht zu fürchten, sondern die Herausforderung anzunehmen und die Zukunft zu gestalten. Denn dann gibt es auch eine ordentliche Zukunft. Wir müssen die Probleme anpacken, liebe Freundinnen und Freunde.

Wenn wir über die Zukunft reden, dann müssen wir auch ein paar Garantien liefern, ein paar klare Aussagen machen. Wie kommt man durch die Zeit, zum Beispiel, wenn wir an die jungen Leute denken, was ihre Ausbildung betrifft, ihre Möglichkeiten, was wir dafür tun können, dass nicht so viele junge Leute in diesem Land auch immer noch in Armut aufwachsen? Deshalb wollen wir, dass die Dinge besser werden. Wir wollen auch das Kindergeld neu organisieren, damit junge Familien bessere Bedingungen haben und damit Armut von Kindern in diesem Land verschwindet. Es muss nicht sein!

Wir wollen nicht einfach hinnehmen, dass wir berichtet bekommen, dass die Lage auf dem Wohnungsmarkt schwer ist, sondern wir wollen dafür etwas tun, dass sich die Dinge ändern. Denn das gehört doch dazu, wenn man ein gutes Leben führen will, dass man sich die eigene Wohnung leisten kann, dass auch eine normale Arbeitnehmerin und ein normaler Arbeitnehmer doch nochmal die Perspektive hat, sich vielleicht ein kleines Häuschen abzusparen. Das muss in diesem Land möglich sein. Dafür müssen wir kämpfen.

Und das ist kein Hexenwerk. Man darf nur nicht untätig bleiben. Ich habe mir die Zahlen mal angeguckt. 1973 – ist schon lang, aber nicht so lange – sind in diesem Land 800.000 Wohnungen gebaut worden – 700.000 im Westen, 100.000 im Osten Deutschlands. Und wir bauen heute gerade mal 300.000. Wenn ich sage, was wir hinkriegen wollen, dann ist das, jedes Jahr 400.000 Wohnungen zu bauen und damit nicht aufzuhören, dann ist das nicht unlösbar, sondern etwas, was man anpacken muss, liebe Freundinnen und Freunde.

Ich sage ausdrücklich: Dazu gehört auch, dass unter diesen vielen 400.000 Wohnungen auch immer die Mieten sind, die gefördert sind, die für diejenigen sind, die sich die Mieten, die sonst so zustande kommen, nicht leisten können. Unterschätzt das nicht! Das sind viel mehr als uns die einen und die anderen einreden wollen. Denn wenn man sich die Städte dieses Landes anguckt, knapp die Hälfte aller Haushalte hätte einen Anspruch auf eine geförderte Wohnung. Was sagt das? Erstens wird in Deutschland oft viel weniger verdient, als manche so sagen. Zweitens ist geförderter Wohnungsbau unverändert eine Zukunftsaufgabe für Deutschland.

Deshalb wollen wir nicht nur 400.000 Wohnungen bauen, sondern jedes Jahr 100.000 geförderte darunter, damit sich Stück für Stück die Lage entspannt. Bis dahin sagen wir: Wir brauchen Schutz, Mieterschutz. Wir brauchen Mietpreisbremsen. Und wir brauchen ein Moratorium, damit die Mieten nicht dramatisch durch die Decke steigen, während wir noch den Wohnungsbau auf der Arbeitsliste haben.

Was auch wichtig ist als Garantie, als Sicherheit, damit wir die Zukunft offensiv angehen können, sind stabile Renten. Ich sage das, weil ich viele junge Leute hier sehe. Und ich sage das mit großem Bewusstsein: Stabile Renten brauchen wir vor allem wegen der jungen Leute. Denn die, die jetzt mit 17 die Schule verlassen und eine Berufsausbildung machen, die jungen Frauen und die jungen Männer, wissen, dass sie bis zum 67 Lebensjahr arbeiten müssen. Übrigens: Da ist mal Schluss. Wir wollen keine weitere Steigerung des Renteneintrittsalters. Wir lehnen eine solche Aussage ab.

Aber für diese jungen Leute, die jetzt viele Jahrzehnte Beiträge zahlen, ist doch wichtig: Macht das Sinn? Und es macht Sinn, wenn wir garantieren, was ihnen zusteht – stabile Renten auch in den nächsten Jahrzehnten, nicht nur bis 2025, wie wir es der Union abgerungen haben, sondern weit darüber hinaus. Das ist die Garantie für die Jugend, die wir jetzt geben müssen.

Ich habe davon gesprochen, dass wir einen Aufbruch spüren. Corona, allmählich geht es zu Ende. Wir haben noch was damit zu tun, aber wir sehen schon das Licht am Horizont. Ich glaube, das ist eine ganz, ganz wichtige Botschaft. Aber auch die 20er Jahre, da haben viele das Gefühl, das ist keine Sache, vor der man sich fürchten muss. Das ist etwas, wo eine gute Zukunft möglich ist. Und ein Aufbruch ist erkennbar in diesem Land, weil es viele gibt, die wissen, wir können und wir müssen was tun und wir werden etwas tun.

Aufbruch empfinden auch wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Augenblick. Denn das ist ja doch eine schöne Botschaft, dass es besser wird mit den Umfragen. Ganz leise, ich sage es ausdrücklich, nicht zu laut, aber ausdrücklich sage ich: Viele haben das Gefühl, da gibt es eine Partei, die die Zukunft anpackt. Der Aufbruch, der für unser Land nötig ist, das ist, was die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten anpacken wollen. Das spüren wir in den Umfragen, liebe Freundinnen und Freunde.

Ich will über zwei wichtige Fragen reden, die für diese Zukunft, die für die 20er Jahre und das, was kommt, wichtig sind.

Die eine große Frage, die unsere Gesellschaft umtreibt, ist, dass sie nicht weiter auseinanderfallen darf. Viele empfinden das so und sie sehen etwas, was wirklich stattfindet. Die Gesellschaft ist nicht auf dem Pfad, dass sie geschlossener wird, sondern es geht immer weiter auseinander. Viele agieren für sich, finden sich gut unter den Rahmenbedingungen, unter denen sie leben. Aber was die Gesellschaft zusammenhalten muss, ist etwas, für das man kämpfen muss.

Deshalb sage ich: Ich will eine Gesellschaft, in der der Respekt voreinander eine neue Bedeutung hat, in der Zusammenhalt und Respekt eine große Rolle für das Miteinander und die Zukunft spielen.

Respekt vor denen, die wir jetzt alle so beklatscht haben, den Corona-Heldinnen und Corona-Helden zum Beispiel. Die haben immer schon etwas mokiert geguckt, weil das zwar ganz schön war, dass man plötzlich systemrelevant war. Ich weiß nicht, wie viele angesprochen wurden von dem Käufer im Lebensmittelgeschäft, „hallo, Systemrelevante“, aber ehrlicherweise war das eine gute Botschaft. Trotzdem darf das nicht auf diese Zeit begrenzt sein. Wir müssen doch dauerhaft dafür sorgen, dass die Anerkennung für diese Arbeit auch in Zukunft gilt und dass das nicht nach der Corona-Krise wieder vergessen ist. Respekt für diese Arbeit ist wichtig für die Zukunft dieses Landes.

Niemand soll sich und darf sich als was Besseres fühlen. Ich bin gegen eine Gesellschaft, in der die einen auf die anderen herabblicken, weil sie mehr verdienen, weil sie länger studiert haben oder überhaupt, weil sie an der richtigen Stelle wohnen oder überhaupt das richtige Lebenskonzept haben. Ich finde, eine Handwerkerin in einer Kleinstadt macht nichts falsch, die Lebensmittelverkäuferin und der Paketbote auch nicht und diejenigen, die in der Altenpflege und der Krankenpflege arbeiten auch nicht. Wir müssen als Gesellschaft zusammenhalten. Wir machen unterschiedliche Dinge, aber wir machen gleichwertige Dinge. Das muss die zukünftige Haltung unserer Gesellschaft sein.

Und klar ist, da geht es dann nicht nur um die Frage Anerkennung, die ist wichtig, sondern auch um Geld. Deshalb sage ich: Es wird zu wenig verdient. Viele Bürgerinnen und Bürger des Landes arbeiten schwer und verdienen viel zu wenig. Man merkt es am deutlichsten, wenn ich eine Forderung hier noch mal unterstreiche: Ich setze mich ein für 12,00 € Mindestlohn. Das will ich im ersten Jahr meiner Kanzlerschaft durchsetzen. Aber ich sage auch ganz klar: 12,00 € Mindestlohn bedeutet eine Gehaltserhöhung für zehn Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesem Land. Was für eine große Zahlung was für ein anderes Bild über die Wirklichkeit unseres Zusammenlebens, als es oft gezeichnet wird, liebe Freundinnen und Freunde.

Darum ist das so wichtig. Darum ist wichtig, dass wir da nicht Halt machen, sondern dass wir das, was Reiner Hoffmann gesagt hat, auch für uns ganz klar haben. Wir wollen nicht nur einen Mindestlohn. Das ist die Absicherung nach unten. Wir wollen ordentliche Tariflöhne! Und was mussten wir kämpfen? Wie viele Anläufe mussten wir nehmen, damit in der Fleischindustrie endlich normale Arbeitsverträge abgeschlossen werden? Wir haben es geschafft gegen großen Widerstand.

Drei Anläufe haben wir gebraucht, damit in der Altenpflege demnächst überall wenigstens irgendwie nach Tarif bezahlt wird. Den ersten habe ich unternommen als Arbeitsminister mit einem Mindestlohn für die Pflegebranche. Dann haben wir jetzt in dieser Legislaturperiode möglich gemacht, dass ein Tarifvertrag gelten kann, der für alle verbindlich ist. Leider haben da nicht alle mitgemacht auf Arbeitgeberseite, die wir dazu gebraucht hätten. Wir haben aber nicht aufgegeben, sondern wir haben gesagt: Wir machen ein Gesetz. In dem steht drin, dass ab dem Sommer nächsten Jahres überall, wo das bisher nicht der Fall ist, entsprechend Tarif gezahlt werden muss, wenn bei der Kasse abgerechnet werden soll. Das sind große Lohnerhöhungen für ziemlich schwer arbeitende Bürgerinnen und Bürger, liebe Freundinnen und Freunde.

Das will ich sagen: Respekt hat etwas zu tun mit Löhnen, mit Anerkennung von Arbeit, auch von unterschiedlichen Arbeitstätigkeiten, aber auch damit, dass es eben unterschiedliche Orte gibt, wo man leben kann. Ich setze mich dafür ein, dass wir kein Stadt-Land-Gefälle haben, dass das Miteinander und das Zusammenleben in Deutschland funktioniert und dass wir uns auch da verantwortlich fühlen für gute Infrastrukturen und gute Angebote, wo nicht so viele leben. Das gehört zum guten Zusammenleben auch dazu. Das ist eine gemeinsame Aufgabe in Deutschland. Respekt muss ein Leitmotiv unseres Zusammenlebens sein.

Und dann müssen wir natürlich die Zukunft dieses Landes anpacken. Wir müssen alles dafür tun, dass wir in zehn, in 20 und in 30 Jahren noch gute Arbeitsplätze haben. Das bedeutet in der Tat eine große Herausforderung. Alle spüren das. Ich sage deshalb ganz klar: Es ist möglich, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen.

Wir werden, wenn wir das jetzt falsch machen in der nächsten Legislaturperiode, das in vier, in acht Jahren nicht mehr einfach korrigieren können. Es kommt also wirklich darauf an, wie die 20er Jahre beginnen, ob eine klare Zukunftsorientierung da drin ist oder nicht. Deshalb will ich es sagen: Wir stehen wahrscheinlich vor der zweiten industriellen Revolution. 250 Jahre lang haben wir Wirtschaft betrieben mit Kohle, mit Gas, mit Öl und – wem sage ich das hier in dieser Stadt – unverändert spielt das eine Rolle. Das muss man einmal festhalten. Die Industriegeschichte Deutschlands hat darauf beruht, dass wir diesen Weg gegangen sind. Jetzt haben wir uns vorgenommen, in knapp 25 Jahren CO2-neutral zu wirtschaften. Das kann man schaffen. Aber das darf man nicht unterschätzen. Denn das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen – die Unternehmen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und das Gemeinwesen mit seinen Möglichkeiten. Das ist die große Zukunftsaufgabe für unser Land, dass wir das hinkriegen. Und wir wollen und werden das anpacken.

Es gibt einige, die leugnen, dass es einen Klimawandel gibt. Okay, das sind nicht so viele und es ist ja offensichtlich. Aber es gibt einige andere, die tun so, als ob man nichts machen muss, um das, was notwendig ist, hinzukriegen. Die koalieren sogar mit uns. Das ist die Wirklichkeit, vor der wir hier stehen. Ich sage es wirklich mit aller Klarheit: Wie konnte es passieren, dass bis zum Ende des letzten Jahres, als wir über die einschlägigen Gesetze verhandelt haben, der Wirtschaftsminister, die CDU und die CSU, gesagt haben: „Wir brauchen nicht mehr Strom.“ Wie konnte es passieren, dass sie noch bis zum Sommer dieses Jahres gesagt haben: „Nichts ist los, alles kann so weitergehen. Wir müssen bisschen was ersetzen, was jetzt Atom und Kohle machen bei der Verstromung. Aber sonst haben wir keine Aufgabe.“ – Alles dokumentiert!

Gleichzeitig wissen wir, dass es anders ist. Nun ist es sogar aufgeschrieben. Denn stellvertretend für CDU/CSU hat der Wirtschaftsminister eine Kapitulationsurkunde unterschrieben, zwei sogar, die erste bei der Chemieindustrie in Deutschland. Da war er und hat ein Papier unterschrieben. Da steht drin: „2050 brauchen wir 600 Terrawattstunden Strom für die Chemie-Industrie.“ Es hat nicht jeder was mit Zahlen zu tun. Darum übersetze ich das mal.

2050 braucht die Chemieindustrie, damit sie CO2-neutral wirtschaften kann, was sie will und was sie kann und wo sie genau einen Plan dafür hat, so viel Strom wie ganz Deutschland heute! – Und dann gibt es Leute, die sagen: „Wir müssen nichts tun.“ Das ist doch peinlich und unverantwortlich für die Zukunft unseres Landes! Dann haben sie auch gesagt: „2030 das Gleiche, da brauchen wir gar nicht mehr.“

Kaum waren die Abgeordneten – ich sehe den Fraktionsvorsitzenden der SPD, hallo Rolf – in die Sommerpause gefahren und sie haben Wahlkampf gemacht, andere Urlaub, einige von uns auch Urlaub. Das ist schon okay. Jedenfalls sind sie weg gewesen. Und dann kommt ein Bericht, wo drin steht: „Nee, stimmt nicht, wir brauchen doch mehr Strom 2030.“ Ist irgendwie gerade rausgekommen, wahrscheinlich wegen der Tankstellen am Straßenrand, wo man Strom aufnehmen muss.

Es ist so lächerlich, aber so gefährlich. Deshalb sage ich ausdrücklich: Eine weiter von CDU/CSU geführte Bundesregierung kostet Deutschland Wohlstand, Arbeitsplätze und Zukunft. Das darf nicht sein! Angesichts dieser Zukunftsherausforderungen muss man ja ausdrücklich sagen, dass wir jetzt die Aufgabe haben, das anzupacken. Deshalb will ich auch im Hinblick auf die Union noch einen Satz hinzufügen: Die verstehen nichts von Wirtschaft!

Wir aber tun das. Deshalb wird es im ersten Jahr der nächsten Legislaturperiode darum gehen, zwei Dinge gesetzlich klarzustellen:

1. Wir machen eine ganz realistische Prognose und schreiben den Strombedarf der Zukunft fest, damit die Chemieindustrie investieren kann, die Stahlindustrie, die Zementindustrie, die Automobilindustrie, der Maschinenbau in Deutschland, all die vielen Unternehmen, die genau wissen, was sie tun wollen und müssen. Sie brauchen eine klare Ansage, dass der Rahmen auch stimmt.

Und dann müssen wir natürlich, und da wird es ungemütlich, auch klar sagen, dass wir ziemlich viele Gesetze ändern müssen, damit wir rechtzeitig fertig werden, damit wir in der kurzen Zeit, die wir jetzt vor uns haben, auch alles gebaut kriegen, was dazu notwendig ist – vom Stromnetz über die Windkraftanlagen auf hoher See wie an Land, die Solarenergie und was wir alles brauchen. Denn wenn wir das aufschieben, werden wir niemals fertig. Dann haben wir den Leuten was Falsches erzählt. Das darf nicht passieren. Wir müssen das hinkriegen. Deshalb müssen wir das zu einer erstrangigen Aufgabe der Wirtschaftspolitik machen, die Grundlagen für unseren zukünftigen Wohlstand zu schaffen.

Ich glaube, wir können das. Und ich merke das im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen der Stahlindustrie, die genau wissen, was zu tun ist, im Gespräch mit den Betriebsräten der Chemieindustrie. Ich merke das im Gespräch mit den Betriebsräten der Automobilindustrie und den Zulieferern, die sagen, „wir brauchen Unterstützung. Da gibt es Veränderungsprozesse vor allem bei den Zulieferern.“ Die haben wir bereitgestellt und werden wir bereitstellen.

Aber Sie wissen, wenn wir das nicht machen, dann kann das den Spitzenplatz der deutschen Automobilindustrie in der Welt kosten. Und wir wollen ihn doch verteidigen. Das ist die Aufgabe, die wir haben.

Das Gleiche gilt für all die anderen. Darum ist es ganz wichtig, dass wir das anpacken, dass wir ein Bündnis für die Zukunft schmieden mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die wissen, was zu tun ist, mit den Unternehmen, und unseren Beitrag dazu leisten. Wir packen die Zukunft an. Mit uns wird sie gelingen, liebe Freundinnen und Freunde.

Man könnte das noch lange weiterführen. Ich will aber zum Schluss kommen, weil wir noch was zu tun haben. Denn es sind ja noch ein paar Tage und Wochen bis zum 26. September, bis gewählt wird. Manche fangen bald an mit der Briefwahl. Einige gehen ist Wahllokal. Manche müssen davon überzeugt werden, dass sie hingehen.

Aber sagt weiter, was hier zu spüren ist. Ein Aufbruch ist möglich für unser Land. Wir können eine Regierung bekommen, die die Zukunftsaufgaben anpackt. Wir können es hinbekommen, dass Deutschland einen Kanzler kriegt, der die Aufgaben realistisch beschreibt und auch sich auch wirklich darum kümmert, dass sie umgesetzt werden.

Liebe Freundinnen und Freunde, es ist gut, dass wir Wind spüren, der uns nach vorne bringt. Ich bin ganz gerührt, das will ich auch sagen, von den Umfragen, die besagen, dass viele mir das Amt des Regierungschefs (ab 33:15 Fehlstelle) nutzen, daraus mehr zu machen, viele zu überzeugen, nicht allein hier auf solchen Kundgebungen, sondern im Gespräch mit all denen, die uns nahestehen, den Nachbarn, den Freunden, der Familie, den Kolleginnen und Kollegen und all den anderen, die wir erreichen können.

Lasst uns gemeinsam dafür arbeiten, dass Deutschland seine Zukunft anpackt. Die SPD steht dafür bereit. – Schönen Dank!